Großvater des Second Life: Zum Tode von Gary Gygax

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Gary Gygax, 27.07.1938 bis 04.03.2008

Die Einleitung kann sehr einfach sein: Gary Gygax war der Vater der Fantasy-Rollenspiele. Ohne ihn hätte es sie nicht gegeben. Keine Live-Rollenspiele. Keine Computer-Rollenspiele. Nichts.

Wie kam es dazu? „1965 gründete Gary Gygax in Lake Geneva, USA, die »Tactial Studies Association«, einen Club, der sich mit Zinnfiguren und Kriegsspielen im Wohnzimmer beschäftigte – sogenannten Tabletop-Spielen.«[1] 1971 erschien CHAINMAIL, das erste Tabletop-Spiel mit Fantasy-Elementen. Gemeinsam mit Dave Arneson gründete er TSR, Tactical Studies Rules. 1974 erschien ihr großer Wurf: DUNGEONS & DRAGONS. Drei Broschüren waren es damals. „Before 1974 there were no roleplaying games.“[2] Was war das besondere an diesem Spiel? Es enthielt das Konzept der Quantifizierung von persönlichen Fähigkeiten und Charakteristika der Spieler. Dies war die Grundlage vom Erwürfeln von Erfolgen oder Schäden mit gewissen (berechenbaren) Wahrscheinlichkeiten. Und es war die Verbindung der Abenteurer zu einer gemeinsamen Geschichte.
Heute ist D&D ein Imperium, das sich vom Comic bis zur Spielkonsole mit seinen Nachfolgern durchgesetzt hat. 1997 wurde die Firma an „Wizards oft he Coast“ (ich sage nur: MAGIC) verkauft, die D&D und seine Epigonen bis heute herausbringen. Da hatte Gygax seine Firma schon lange verlassen ...
Aber schon 1984 gab es an Merchandising Strandtücher, Jojos, Leuchtschreiber, Holzspielzeug, Rubbelbilder, Malbücher, Kinder-Kostüme, Malen nach Zahlen, Puzzles etc.[3] 1984 hatte sich das BASIS SET zu D&D schon über 7 Millionen Mal verkauft.[4]
Die Geschichte der ersten Jahre ist unklar. Vor fast 20 Jahren schrieb ich schon: „Die Geschichte dieses Spiels [D&D, HR] ist etwas schwer nachvollzuziehen, denn seine eigene Bedeutung wird um so imposanter und um so weniger Leute wirkten dabei mit, je jünger die Artikel von Gary Gygax werden.“[5]
D&D ist kein Rollenspiel, das zur heutigen Zeit passen würde. Zu viele Jahre mit zu vielen Verbesserungen im Rollenspiel, zu viele technische Entwicklungen sind über das Spiel hinweggegangen, über das Swan so richtig schreibt. „Complaining that DUNGEONS AND DRAGONS is an unrealistic RPG is like saying that chess is an inaccurate wargame.“[6] Aber ohne D&D … tja, da wäre alles nicht passiert, was danach kam (wer kennt die Namen, zählt die Systeme).
In späteren Jahren hat Gygax versucht, an seine frühen Erfolge anzuschließen. Aber sein Spiel DANGEROUS JOURNEYS verkaufte sich nicht, Gygax war als Entwickler stehengeblieben. Er schrieb dann noch einige Bücher (drei zu DANGEROUS JOURNEYS sind auf Deutsch erschienen), aber der frühe Erfolg ... war ein früherer Erfolg.

Wer war Gygax? „Eigentlich sieht er ja aus wie ein eigenbrötlerischer Zwerg aus einem D&D-Abenteuer: Eher klein und ein wenig untersetzt, mit dicker Brille. Der Intellekt eines Schweizers, gepaart mit dem amerikanischen Geschäftssinn.“[7] Geboren wurde er in Chicago 1938, sein Vater war Schweizer.[8] Er starb in Lake Geneva an einem Herzschlag. Ich habe ihn einmal getroffen, auf einer Verkaufsmesse meines damaligen Arbeitgebers „Chessex“ in den USA. Er war unauffällig, höflich, zurückhaltend. Nicht das, was man von einem großen Wegbereiter erwarten würde. Aber da hatte er schon alles hinter sich – den Austritt aus „seiner“ Firma, das Abflachen der D&D-Welle zugunsten neuerer, stromlinienförmiger Spiele (und ich meine nicht ADVANCED DUNGEONS & DRAGONS, das damals schon veraltet war).
Aber D&D ist ein Begriff, ein Standard, ein Beginn, eine Initialzündung, eine Inspiration. Damals wie heute.

Ohne ihn hätte ich nie meinen Mitherausgeber Michael Scheuch beim Rollenspielen kennenlernen können – kein MIDGARD, kein ABENTEUER IN ANALPHABETU, kein ... was auch immer.

Danke Gary. Und gute Fahrt.

Veröffentlichungen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
DANGEROUS JOURNEYS, MYTHUS-Trilogie
DIE ANUBIS MORDE (THE ANUBIS MURDERS, 1992)
DIE LÖSUNG VON SAMARKAND (THE SAMARKAND SOLUTION, 1993)
TOD IN DELHI (DEATH IN DELHI, 1993)

Verwendete Literatur:
Bensching, Hans Michael „Interview mit Gary Gygax“ in Kaiser, Ulrich (s.u.)
Kaiser, Ulrich „Drachen im Kopf“ in ders. (Hrsg.) DAS GROSSE BUCH DER FANTASY-ROLLENSPIELE, Meitingen, 1984
Ders. „Drachen, Drops & Badetücher“ in Kaiser, Ulrich (s.o.)
Kathe, Peter STRUKTUR UND FUNKTION VON FANTASY-ROLLENSPIELEN, Karben, 1987
Ritter, Hermann „Fantasy-Rollenspiel als Therapie“ in R. Gustav Gaisbauer (Hrsg.) DER ZWEITE KONGRESS DER PHANTASIE, Passau, 1989
Schick, Lawrence HEROIC WORLDS, New York, 1991
Swan, Rick THE COMPLETE GUIDE TO ROLE-PLAYING GAMES, New York, 1990

Talotta, Roberto „D&D und AD&D“ in Jürgen Franke & Werner Fuchs (Hrsg.) KNAURS BUCH DER ROLLENSPIELE, München, 1985


  1. Kathe, S. 12
  2. Schick, S. 17
  3. Nach Kaiser „Drachen, Drops & Badetücher“, passim
  4. Kaiser „Drachen im Kopf“, S. 8
  5. Ritter, S. 206
  6. Swan, S. 73
  7. Talotta, S. 100
  8. Nach Bensching, S. 93