Hurli Harard, der hurtige Held aus Holmstedt, und Uller, der unbotmäßige Unhold aus Uppsala – ein Mythos im Wandel der Zeiten: Unterschied zwischen den Versionen

Aus hermannritter.de
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Beim Ansatz des Rekonstruierens wird nun versucht, die Erfahrungen aus dem Mittelalter, die mittelalterliche Weltsicht und die Einstellung zur Magie "nachzubauen", eben zu re-konstruieren (siehe Illu 2).
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Beim Ansatz des Rekonstruierens wird nun versucht, die Erfahrungen aus dem Mittelalter, die mittelalterliche Weltsicht und die Einstellung zur Magie "nachzubauen", eben zu re-konstruieren (siehe Illu 2).<br>
 
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'''Ignorieren'''
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'''Ignorieren'''<br>
Beim Ansatz des Ignorierens geht man davon aus, dass die Zeitleiste nicht existiert. Es findet im Bewusstsein des Anwenders keine Veränderung seit dem Mittelalter statt; die Zeit und ihre Umstände bleiben gleich, ebenso die Gesellschaftsform, die Sprache und alle anderen Rahmenbedingungen. In einer Grafik sähe das so aus (siehe Illu 3).
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Beim Ansatz des Ignorierens geht man davon aus, dass die Zeitleiste nicht existiert. Es findet im Bewusstsein des Anwenders keine Veränderung seit dem Mittelalter statt; die Zeit und ihre Umstände bleiben gleich, ebenso die Gesellschaftsform, die Sprache und alle anderen Rahmenbedingungen. In einer Grafik sähe das so aus (siehe Illu 3).<br>
 
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'''Imitieren/Kopieren'''<br>
 
'''Imitieren/Kopieren'''<br>
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Die Idee des Imitierens/Kopierens wiederum versucht, die Zeitumstände des Mittelalters wiederzugeben, um sie erneut heraufzubeschwören. Im 21. Jahrhundert war das weit verbreitet: Man zieht sich entsprechende Kleidung an, spricht einen eigenartigen Dialekt (gerne als "Marktsprech" verhöhnt: "Werter Kunde, darf ich Euch itzo Anhänger präsentieren. Er kostet Euch auch nur dreißig Dublonen und ist aus edelstem Metalle gefertigt!") und ernährt sich am liebsten von Fladenbroten und Met.<br>
 
Die Idee des Imitierens/Kopierens wiederum versucht, die Zeitumstände des Mittelalters wiederzugeben, um sie erneut heraufzubeschwören. Im 21. Jahrhundert war das weit verbreitet: Man zieht sich entsprechende Kleidung an, spricht einen eigenartigen Dialekt (gerne als "Marktsprech" verhöhnt: "Werter Kunde, darf ich Euch itzo Anhänger präsentieren. Er kostet Euch auch nur dreißig Dublonen und ist aus edelstem Metalle gefertigt!") und ernährt sich am liebsten von Fladenbroten und Met.<br>
Die Grafik sähe folgendermaßen aus (siehe Illu 4):<br>
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Die Grafik sähe folgendermaßen aus (siehe Illu 4).<br>
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'''Adaptieren'''<br>
 
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Versuche, die Vergangenheit zu adaptieren, gehen davon aus, dass man die Zeitumstände für jede neue Periode verstehen muss, um zu erkennen, wie ein magisches Bild in das Weltbild eingepasst war. Die Grafik sähe folgendermaßen  
 
Versuche, die Vergangenheit zu adaptieren, gehen davon aus, dass man die Zeitumstände für jede neue Periode verstehen muss, um zu erkennen, wie ein magisches Bild in das Weltbild eingepasst war. Die Grafik sähe folgendermaßen  
aus (siehe Illu 5):<br>
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aus (siehe Illu 5)<br>
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'''Initiieren'''<br>
 
'''Initiieren'''<br>
Die letzte Methode ist die des Initiierens. Man ignoriert einfach die (mystische und oft überhöhte) Vergangenheit und schafft eine magische Weltsicht im Hier und Jetzt. Dies hat den Vorteil, dass man aktuelle Zeitumstände verarbeiten kann, ignoriert aber gerne die Verhaftung in historischen Zusammenhängen. In meiner Darstellung sähe dies wie folgt aus (siehe Illu 6):
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Die letzte Methode ist die des Initiierens. Man ignoriert einfach die (mystische und oft überhöhte) Vergangenheit und schafft eine magische Weltsicht im Hier und Jetzt. Dies hat den Vorteil, dass man aktuelle Zeitumstände verarbeiten kann, ignoriert aber gerne die Verhaftung in historischen Zusammenhängen. In meiner Darstellung sähe dies wie folgt aus (siehe Illu 6).<br>
 
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'''Die Struktur der Queste'''<br>
 
'''Die Struktur der Queste'''<br>
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Aus der Queste erhält man eine grundlegende Erkenntnis als Ergebnis: nur Freundschaft, Liebe und Gottvertrauen retten einen. Ein Ort in der Queste ist immer die Möglichkeit für einen Ritus zum Erlangen von Erkenntnis bzw. die Hilfe
 
Aus der Queste erhält man eine grundlegende Erkenntnis als Ergebnis: nur Freundschaft, Liebe und Gottvertrauen retten einen. Ein Ort in der Queste ist immer die Möglichkeit für einen Ritus zum Erlangen von Erkenntnis bzw. die Hilfe
 
durch einen Ritus. In der Queste erfolgt Rettung gerne durch göttliche Eingriffe (auch gerne in Form eines "deux ex machina"). Am Ende der Queste kehrt man gewachsen und verändert heim, obwohl dieser Ort nicht mehr derselbe ist, weil man sich selbst verändert hat ("Man kann den selben Fluss nicht zwei Mal überqueren."). Die am Ende gewonnene Erkenntnis ist die Erkenntnis der Bedeutung von Freundschaft, Liebe und Gottvertrauen. Die Selbstveränderung initiiert Veränderungen an der Umwelt.<br>
 
durch einen Ritus. In der Queste erfolgt Rettung gerne durch göttliche Eingriffe (auch gerne in Form eines "deux ex machina"). Am Ende der Queste kehrt man gewachsen und verändert heim, obwohl dieser Ort nicht mehr derselbe ist, weil man sich selbst verändert hat ("Man kann den selben Fluss nicht zwei Mal überqueren."). Die am Ende gewonnene Erkenntnis ist die Erkenntnis der Bedeutung von Freundschaft, Liebe und Gottvertrauen. Die Selbstveränderung initiiert Veränderungen an der Umwelt.<br>
Da heute sicherlich jeder aus der Schulzeit
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Da heute sicherlich jeder aus der Schulzeit das im 22. Jahrhundert wiederentdeckte nordische Epos "Hurli Harard, der hurtige Held aus Holmstedt, und Uller, der unbotmäßige Unhold aus Uppsala" kennt, wollen wir die fünf Ansätze kurz an diesem Epos und seiner grundlegenden Queste durchspielen.<br>
das im 22. Jahrhundert wiederentdeckte nordische
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Epos „Hurli Harard, der hurtige Held aus
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'''Rekonstruieren'''<br>
Holmstedt, und Uller, der unbotmäßige Unhold
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Die Fragen, die beim Rekonstruieren gestellt werden, beschäftigen sich weniger mit der Botschaft des Mythos, sondern mit seinen Rahmenbedingungen. Dann werden Fragen gestellt wie "Wo lag Holmstedt?" oder "Wer waren Ullers Eltern?", wissenschaftliche Symposien diskutieren Fragen wie "Der Unhold Uller und Parallelen zu finnischen Quellen zur Kalevala". Dieser Ansatz ist aus Bibelarbeit bekannt, wo Jesus in historischen Zusammenhängen dargestellt wurde, die dann ellenlang diskutiert und gedeutet wurden.<br>
aus Uppsala“ kennt, wollen wir die fünf Ansätze
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kurz an diesem Epos und seiner grundlegenden
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'''Ignorieren'''<br>
Queste durchspielen.
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Hier ist die Vorgehensweise einfach: Man ignoriert sämtliche gewonnenen Erkenntnisse bezüglich des Epos, Fortschritte in der Wissenschaft und/oder gesellschaftliche Entwicklungen. Beispiele sind die aus dem 21. Jahrhundert
Rekonstruieren
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bekannten Mittelaltergruppen (Schlagwort: "Re-Enactment"), die Amish und Teile des Islam im 21. Jahrhundert. "Gott will es", und darum ist es heute genauso richtig wie im Jahre 35, 625 oder 2012 unserer Zeitrechnung.<br>
Die Fragen, die beim Rekonstruieren gestellt
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werden, beschäftigen sich weniger mit der Botschaft
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'''Imitieren/kopieren'''<br>
des Mythos, sondern mit seinen Rahmenbedingungen.
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Ohne Zwischenschritte wird hier der Originalmythos direkt in die Gegenwart versetzt. Der Epos hieße dann vielleicht für einen Magier des späten 21. Jahrhunderts "Kurt Koertel, der kundige Kieser aus Kiel und Uwe Uhrenhufer, der urige Urwaldbewohner". Es findet (um ein "neudeutsches" Wort zu verwenden) ein "reboot" des alten Mythos statt, der damit direkt von der Ursprungszeit in die Gegenwart versetzt wird.<br>
Dann werden Fragen gestellt wie
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„Wo lag Holmstedt?oder „Wer waren Ullers Eltern?,
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'''Adaptieren'''<br>
wissenschaftliche Symposien diskutieren
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Die Adaption unterteilt die Kopie in eine Vielzahl von Zwischenschritten, der Mythos wird in einem Zyklus immer neu interpretiert und für die Gegenwart "gewonnen"; jede Generation/Kohorte adaptiert den Mythos für sich. Motor einer solchen Adaption sind Mysterienspiele, Wallfahrten, Initiationsriten, dabei erfolgt eine vorsichtige Modernisierung der Rahmenbedingungen.<br>
Fragen wie „Der Unhold Uller und Parallelen zu
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Ein Beispiel für eine solche Adaption ist die Wirkungsgeschichte des Judentums. Ein anderes Beispiel ist die christliche Mär vom Teilen von Brot und Fisch durch Jesus. Während hier ursprünglich von einer klima- und kulturgerechten Teigware und einem haltbar gemachten, für die örtlichen Gewässer typischen Fisch die Rede war, wird dieses biblische Gleichnis in jeder anderen Kultur mit den dort bekannten Brot- und Fischsorten visualisiert, das Gleichnis damit adaptiert.<br>
finnischen Quellen zur Kalevala“. Dieser Ansatz
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ist aus Bibelarbeit bekannt, wo Jesus in historischen
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'''Initiieren'''<br>
Zusammenhängen dargestellt wurde, die
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Hier geht es um Extraktion der wichtigsten Punkte (meist sind dies die Grundlagen der Queste), dann erfolgt ein tatsächlicher Neustart. In der Anfangsphase entwickeln solche Gruppen (wegen ihrer leicht verständlichen Terminologie) eine große Zugkraft, die aber erlischt, wenn die anfänglichen Träger der Bewegung
dann ellenlang diskutiert und gedeutet wurden.
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("Gründer", "Propheten" etc.) verstorben sind bzw. die Bewegung verlassen haben. Beispiele wären die "Church of All Worlds" im 20. Jahrhundert oder die "Neo-Phlogistonisten" im 22. Jahrhundert.<br>
Ignorieren
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Hier ist die Vorgehensweise einfach: Man ignoriert
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'''Ist die Rekonstruktion einer vergangenen Epoche realistisch?'''<br>
sämtliche gewonnenen Erkenntnisse
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Zwischen Selbst und Umwelt liegen die Sinne als Wahrnehmungskorridor. Dieser Wahrnehmungskorridor wird durch verschiedenste Dinge beeinflusst.<br>
bezüglich des Epos, Fortschritte in der Wissenschaft
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Drei Aspekte möchte ich kurz herausgreifen. Der erste Aspekt ist die Rolle von Selbst, Bewusstsein und Sinnen für unseren Wahrnehmungskorridor. Der zweite Aspekt ist das "Sonderthema" der Sprache, der dritte (und größte) Aspekt ist der Einfluss der Umwelt, genauer der Gesellschaft ("Umwelt I") und der Welt ("Umwelt II").<br>
und/oder gesellschaftliche Entwicklungen.
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Beispiele sind die aus dem 21. Jahrhundert
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'''Selbst, Bewusstsein, Sinne'''<br>
bekannten Mittelaltergruppen (Schlagwort:
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Das Thema Selbst ist schwierig zu besprechen, da hier der "Abgrund der Zeit" die schlimmsten Vermittlungsschwierigkeiten aufbaut.<br>
„Re-Enactment“), die Amish und Teile des Islam
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Im frühen 21. Jahrhundert wurde dieses Thema immer wieder diskutiert: Wie verändert sich das Verhältnis zum "Leib" im Lauf der Zeit? Wie verhält sich das mit der Nahrung – hat nicht zum Beispiel die Einfuhr der Kartoffel nach Europa unsere Nahrung völlig verändert, was ist mit dem Verschwinden bekannter Nahrungsmittel und der Saison-übergreifenden Erreichbarkeit von Nahrungsmitteln, die eigentlich an bestimmte Jahreszeiten gebunden waren? Wie gehen wir mit Schmerz, Krankheit und Tod um? Wie sieht es mit der Unversehrtheit des Körpers aus? Wie stehen Heiden zu Verstümmelungen? In den 1970ern war es noch selbstverständlich, dass Kriegsopfer (Einbeinige, Einarmige, Blinde) das Straßenbild prägten. Hat ihr "Verschwinden" nicht auch die Gesellschaft geprägt – und wie sieht es mit dem Umgang mit Sterbenden oder Behinderten aus, die wir aus der Gesellschaft "herausnehmen" und in bestimmten Institutionen "verwahren"? Wie
im 21. Jahrhundert. „Gott will es“, und darum
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geht man mit Tätowierungen und Narben aus, wie mit Implantaten? Hat sich durch HIV nicht das Blut-Tabu wieder verstärkt – wer leistet im 21. Jahrhundert noch einen Blutschwur oder schließt Blutsbruderschaft? Wie sieht es mit den Veränderungen durch Implantate (Herzschrittmacher), Ersatzteile (Hüftgelenke) oder Depot-Medikamente aus? Verändert sich die Sicht auf das Selbst und die daraus und darauf
ist es heute genauso richtig wie im Jahre 35,
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wirkende Magie dabei nicht grundsätzlich?<br>
625 oder 2012 unserer Zeitrechnung.
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Wie verändert sich unsere Wahrnehmung von Bewusstsein durch die Veränderung dessen, was wir als gesund betrachten? Früher waren Geisteskranke Teil der Gesellschaft, einige Gesellschaften akzeptierten sie als besonders von den Göttern geschlagen oder gezeichnet. Wir schließen sie weg – was sagt das über die Gesellschaft aus? Wie gehen wir damit um, dass die weit zugänglichen Medikamente und Drogen natürlich auch die Psyche verändern? Wie hat die Einführung der Psychologie die Wahrnehmung von Bewusstsein verändert? Gab es ein Über-Ich, bevor Freud es fand?<br>
Imitieren/kopieren
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Und unsere Sinne haben einen Wandel durchlebt. Wir sehen Farben, ohne zu erkennen,
Ohne Zwischenschritte wird hier der Originalmythos
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dass die Grenzen von Farben zu anderen Farben nicht naturwissenschaftlich, sondern
direkt in die Gegenwart versetzt.
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gesellschaftlich gezogen werden (wie auch die Bedeutung von Farben, z.B. dem Schwarz oder Weiß für Trauer). Hat sich unser Hören nicht dadurch verändert, dass wir andauernd und überall kommunizieren können und die Stille verlernt haben? Hat sich unser Schmecken nicht durch starke Einflüsse wie Schokolade oder Tabak völlig verändert? Wie verändert sich unser Riechen dadurch, dass Menschen inzwischen (meist) gewaschen und sauber sind, so dass wir Körpergerüche nur noch wahrnehmen, wenn sie "störend" sind (und ab wann sind sie das?). Hat sich unser Fühlen nicht verändert, weil wir klimatisierte Räumlichkeiten gewöhnt sind, in denen wir nicht frieren? Und damit habe ich unsere Gefühle noch nicht angesprochen, die natürlich auch einem Wandel unterzogen sind – oder? Wie vergleichen wir "Liebe" im 11. Jahrhundert mit "Liebe" im 16. Jahrhundert oder "Liebe" im 21. Jahrhundert?<br>
Der Epos hieße dann vielleicht für einen Magier
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des späten 21. Jahrhunderts „Kurt Koertel, der
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'''Sonderthema: Sprache'''<br>
kundige Kieser aus Kiel und Uwe Uhrenhufer,
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(Auch hier die Erinnerung: Wir betrachten die Erkenntnisse des 21. Jahrhunderts!)<br>
der urige Urwaldbewohner“. Es findet (um ein
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Sprache ist ein Sonderthema, weil sie uns so selbstverständlich ist, ohne dass wir über ihre Möglichkeiten und Grenzen nachdenken.<br>
„neudeutsches“ Wort zu verwenden) ein „reboot“
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Wie sieht es mit dem Kontext von Aussagen aus? Können wir Anspielungen überhaupt noch verstehen, die in früheren Jahrhunderten Bedeutung hatten, diese aber verloren? Verstehen wir Wortspiele auf frühere Herrscher oder damals aktuelle politische Entwicklungen?<br>
des alten Mythos statt, der damit direkt
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Wie wirkt sich der Wortverlust aus? Früher kannten alle die Begriffe für die verschiedenen Farben von Pferden (Falbe, Fuchs, Brauner, Schimmel, Schecke etc.) – diese Begriffe sind aus dem täglichen Sprachgebrauch ebenso verschwunden wie landwirtschaftliche Begriffe (Egge) oder berufliche Fachworte (wie in der Druckersprache die Begriffe Hurenkind und Schusterjunge). Die Schulbildung erzeugt einen Kanon von zitierbarer Literatur, die Gesellschaft einen Kanon an zitierbaren Symbolen. Und eine Alterskolonne wird durch gemeinsame Erinnerungen an Filme und Musik geprägt, die schon für einen Erwachsenen des 21. Jahrhunderts gegenüber seinen Eltern oder seinen Kindern eine unüberbrückbare Distanz erzeugt.<br>
von der Ursprungszeit in die Gegenwart versetzt
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Wie ist es mit Wörtern, die gleich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben ("Teekessel" genannt) – oder Wörtern, die früher gleich klangen, sich aber auseinanderentwickelt habe (im Englischen z.B. "horse" und "whores" oder die Unterscheidung vom lateinischen "lingua" in Sprache und Zunge im Deutschen).<br>
wird.
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Wenn sich im 19. Jahrhundert drei Heiden am Genfer See trafen, dann sprachen sie französisch und bezogen sich auf antike Mythen, wenn sie über Magie sprachen. Wenn sich im 21. Jahrhundert drei Heiden am Genfer See trafen, dann sprachen sie englisch und bezogen sich auf "Star Trek". Die Konnotationen, welche bekannte Filme erzeugen, sind in einer Gesellschaft mannigfaltig, aber über die Zeit schwer übersetzbar (man denke nur an den Übersetzungsfehler von "May the Force be with you" aus "Star Wars" in "Möge der 4. Mai mit dir sein!").<br>
Adaptieren
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Wird die Leseerfahrung nicht dadurch geprägt, dass ab dem 21. Jahrhundert das Buch immer mehr gegenüber einer nebulösen "Cloud" zurückgeht, die sich "irgendwo" im Internet befindet? Wer früher seinem Kind seine eigenen alten Kinderbücher schenkte, gibt der ihm dann Hinweise auf den Speicherplatz der Werke?<br>
Die Adaption unterteilt die Kopie in eine Vielzahl
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"Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."<ref>Ludwig "ittgenstein, "Tractatus logica-philosophicus", Abschnitt 7</ref> Bildung und Kultur, Medien und Umgang beeinflussen Sprache, Sprachentwicklung und Sprachbenutzung. In einer magischen Tradition, die viele Dinge benennen muss, um sie zu beherrschen (erinnern Sie sich: das 21. Jahrhundert war von "Magie, nur mit
von Zwischenschritten, der Mythos wird in
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den Händen" noch weit entfernt), ist die Sprache der Zugang zur Magie. Wenn man zulässt, dass die Quelle versiegt, aus der die Sprache fließt, dann wird man nicht nur durstig, sondern kann die Zunge irgendwann nicht mehr nutzen.<br>
einem Zyklus immer neu interpretiert und für
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die Gegenwart „gewonnen“; jede Generation/
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'''Gesellschaft (Umwelt I) und Welt (Umwelt II)'''<br>
Kohorte adaptiert den Mythos für sich. Motor
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Unsere Distanz zu einer heidnischen Hochzeit<ref>Die Hochzeit, nicht die Hochzeit!</ref> in der Vergangenheit umfasst (vom 21. Jahrhundert aus betrachtet) diverse Jahrhunderte. Es ist nur möglich, ein paar Aspekte anzureißen; ein Gesamtüberblick würde den Rahmen dieses Vortrags sicher sprengen.<br>
einer solchen Adaption sind Mysterienspiele,
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Um zu zeigen, welche Bereiche nicht angesprochen werden, weil uns die Zeit dafür fehlt, sei die Rolle der Familie genannt. Nicht nur, dass sich die Familie völlig verändert hat (durch eine erhöhte Lebenserwartung und weniger Kinder), auch die Begrifflichkeiten haben sich verändert (wer weiß heute noch, wer die Muhme ist?).<br>
Wallfahrten, Initiationsriten, dabei erfolgt eine
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Wir nehmen die Zeit völlig anders wahr. Wir sind durch Uhren und Kalender in einen künstlichen Jahreskreis eingebunden, der sich von Aussaat und Ernte entfernt hat. Unsere höhere Lebenserwartung erweitert unseren Zeithorizont; im frühen 21. Jahrhundert war es für einen Jugendlichen möglich, einen Zeitzeugen der Zeit um 1920 kennenzulernen, der selbst über seine Erfahrungen berichten konnte. In früheren Jahrhunderten war dies undenkbar.<br>
vorsichtige Modernisierung der Rahmenbedingungen.
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Und die Symbole haben sich in ihrer Bedeutung geändert. Erst die Möglichkeit der bequemen Reproduzierbarkeit von Symbolen durch Druckmaschinen machte sie zu einem kopierbaren Massenphänomen. Und die tiefen Spuren, welche die Nationalsozialisten auf vielen heidnischen Symbolen hinterlassen haben, machten viele Symbole für Heiden "unbenutzbar", weil diese Symbole "verschmutzt" waren.<br>
Ein Beispiel für eine solche Adaption ist die
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Unter dem Begriff "Umwelt I" verstehe ich den Komplex aus Wohnen und Arbeit; aber
Wirkungsgeschichte des Judentums. Ein anderes
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diese sind nicht unbeeinflusst von sozialen Bezügen.<br>
Beispiel ist die christliche Mär vom Teilen
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Wir wohnen völlig anders als vor 100 Jahren. Es gibt Toiletten, fließend Wasser und Bäder. Es gibt Aufzüge und Kinderzimmer. Es gibt ein Recht auf eine eigene Wohnung als geschützten Raum.<br>
von Brot und Fisch durch Jesus. Während hier
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Und unser Verständnis von Arbeit ist völlig anders geworden. Nach einer (beinahe) Vollbeschäftigung in den 1980ern folgt eine (wenn auch kaschierte) Massenarbeitslosigkeit im frühen 21. Jahrhundert, verbunden mit einem Verlust der Kaufkraft und einem Verlust des Selbstwertgefühls. Die Arbeit wurde entmenschlicht; kaum noch kann jemand fertige Dinge produzieren, sondern er ist an die Produktion von Zwischenschritten gekoppelt, die ihn vom fertigen Produkt entfremden.<br>
ursprünglich von einer klima- und kulturgerechten
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Die sozialen Bezüge haben sich geändert. Ich bin schon auf Behinderungen und Krankheiten eingegangen, aber darüber hinaus unterscheiden sich unsere Erfahrungen im Umgang mit fundamentalen Dingen wie Alter und Hunger völlig von denen der Kriegs- oder Nachkriegsgeneration. Die lange Friedensphase, die in Westeuropa seit 1945 herrscht, hat Kriegserfahrungen (zum Glück) aus unserem Erfahrungsschatz getilgt.<br>
Teigware und einem haltbar gemachten,
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Wie nehmen wir Geschlechter wahr? Es gibt im 21. Jahrhundert keine Kastraten mehr, aber die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich lässt inzwischen viele neue Zwischentöne zu, sowohl in der körperlichen Form als auch in der Ausgestaltung der eigenen Sexualität. Die Gender-Diskussion, die dadurch erfolgte Veränderung der Sprache ("Heid_innen") und das Recht auf allgemeine Gleichbehandlung haben die Gesellschaft nachhaltig geändert.<br>
für die örtlichen Gewässer typischen Fisch
+
Wie stehen wir zu Fortpflanzung und Fruchtbarkeit? Die "Kinderarmut" des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts ist mit keiner anderen Ära zu vergleichen, warum soll sie nicht unsere Wahrnehmung verändert haben?<br>
die Rede war, wird dieses biblische Gleichnis in
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Wie steht man als Heide zur Politik? Ist die Ethik der Aufklärung verweht, wo ist der Kommunismus hin, der doch mit einem solch magischen Pathos begonnen hat ("Es geht ein Gespenst um in Europa"). Wie steht man zu Liberalismus und Humanismus, die doch (zumindest im 19. Jahrhundert) Grundpfeiler einer magischen Renaissance waren?<br>
jeder anderen Kultur mit den dort bekannten
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Und wie geht man im 21. Jahrhundert mit dem Schreckgespenst des Islamismus um, das
Brot- und Fischsorten visualisiert, das Gleichnis
+
wie in der Zeit des Kalten Kriegs bei den "Roten Horden" ein Bild projiziert, was von der Wahrheit weit entfernt ist?<br>
damit adaptiert.
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Unter der Bezeichnung "Umwelt II" möchte ich mich kurz mit der Welt beschäftigen. Unsere Wahrnehmung der Erde hat sich durch die (ausgesprochen ungenauen) geografischen Karten verändert, die eine erklärt subjektive Wahrnehmung der Welt durch eine aufgepfropfte objektive Sicht zu verändern drohen. Dabei leben wir doch mit mentalen Karten, die uns die Entfernung anzeigen. In einer Gesellschaft, in der man nur zu Fuß gehen konnte, war die Umgebung in konzentrischen Kreisen organisiert, abhängig von der Reisegeschwindigkeit und der erreichbaren Entfernung an einem, zwei oder mehr Tagen (nur gehindert durch Hindernisse oder eine sinnvolle Wegwahl erweitert). Heute haben wir mentale Karten, die – "dank" Auto und Flugzeug – die Strecke zu einem Ort nahe des Flughafens in Athen oder Moskau leichter und schneller machen als die zu Fuß in die hintersten Ecken des übernächsten Waldes oder per Autobahn über die Alpen. Wir nehmen Landschaft nicht mehr wahr, sondern durchfahren sie nur, können keine Karten mehr lesen sondern vertrauen (trotz aller gegenteiligen Hinweise) dem Navigationsgerät.<br>
32 – Hurli Harard, der hurtige Held
+
Und wir haben die Landschaft massiv verändert – durch Tunnel und Gleise, durch Brücken und Kanäle, durch Hausbau und Abholzung. Die Welt ist in Mitteleuropa vom Menschen dermaßen geformt, dass eine "urwüchsige Landschaft" im Menschen Angst weckt, weil er sie nicht kennt (und auch nicht kennen kann, weil sie in seinem Leben nicht stattfindet).<br>
Initiieren
+
Wo ist der Sternenhimmel hin verschwunden, den die städtische Beleuchtung auslöscht? Was wurde aus der Erde als dem Zentrum des Universums nach der Erkenntnis des heliozentrischen Weltbildes? Wie verändert die Nähe zu Amerika oder Australien, die Einbeziehung von Hawaii in unseren Kulturkreis die Wahrnehmung der Welt? Was veränderte sich, als die letzten weißen Flecken am Pol und im Herzen
Hier geht es um Extraktion der wichtigsten
+
Afrikas von den Karten verschwanden?<br>
Punkte (meist sind dies die Grundlagen der
+
Wenn man an das 20. Jahrhundert erinnert, dann erinnert man daran, dass der Mond auf einmal in die Reichweite der Menschheit geriet – und dass Pluto erst im 20. Jahrhundert als neuer Planet entdeckt wurde, um dann seinen Status im 21. Jahrhundert zu verlieren. Die "final frontier" verschob sich in den Weltraum,  
Queste), dann erfolgt ein tatsächlicher Neustart.
+
und dort blieb sie.<br>
In der Anfangsphase entwickeln solche Gruppen
+
Hat die Einstein‘sche Formel "E=mc²" nicht unsere Einstellung zu Reisen, zu Distanz und Geschwindigkeit verändert, ist das Schlagwort von der Lichtmauer nicht dafür zuständig, dass wir begriffen haben, dass der erreichbare Raum immer begrenzt bleiben wird?<br>
(wegen ihrer leicht verständlichen Terminologie)
+
Ist unser Verständnis von der Erde als einem Class M-Planeten in einem Nebenarm einer unbedeutenden Galaxis nicht ursächlich daran schuld, dass wir uns als Spezies im Gesamtplan des Universums nicht mehr als so wichtig sehen? Erzeugt die subtrahierende Lösung, die vom Universum die Plätze abzieht, wo Gott sicher nicht ist, weil Menschen ihn dort nicht gefunden haben, nicht dafür zuständig, dass wir
eine große Zugkraft, die aber erlischt,
+
Gott minimieren, ihm Restplätze zuweisen, anstatt ihn überall wirken zu lassen?<br>
wenn die anfänglichen Träger der Bewegung
+
Lokale oder an eine Ethnie gebundene Götter haben Verkündungsprobleme, denn die Grenzen von Räumen oder Ethnien werden immer durchlässiger, immer unzuverlässiger, wo sich Geografie und Genetik weiter entwickelt haben.<br>
(„Gründer“, „Propheten“ etc.) verstorben sind
+
Passend zur christlichen Verkündung lag Jerusalem auf alten Karten im Zentrum der Welt, im Zentrum der drei Weltgegenden Afrika, Asien und Europa. Die drei Könige, die sich vor Jesu verbeugten, waren auch die drei Kontinente mit einem schwarzen, einem weißen und einem semitischen König. Wir haben dieses Bild verloren und können die Ikonografie nicht mehr lesen.<br>
bzw. die Bewegung verlassen haben. Beispiele
+
Können wir ohne Vermittlung einen Menschen des 12. Jahrhunderts verstehen? Nein.<br>
wären die „Church of All Worlds“ im 20. Jahrhundert
+
Aber eine Antwort können wir dank C. S. Lewis und "Perelandra" geben, nämlich die
oder die „Neo-Phlogistonisten“ im 22.
+
Antwort auf die Frage, ob die christliche Schöpfung samt Sündenfall auf anderen Planeten auch stattgefunden hat. Für Lewis sind wir die Bewohner des schweigenden Sterns, der als einziger nicht in der Schöpfung singt. Manchmal liest man aus den Science Fiction-Büchern und -Filmen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts
Jahrhundert.
+
den Wunsch der Menschen heraus, im Weltraum nicht allein zu sein – um doch immer
Ist die Rekonstruktion einer vergangenen
+
wieder enttäuscht zu werden.<br>
Epoche realistisch?
+
<br>
Zwischen Selbst und Umwelt liegen die Sinne
+
'''Folgerungen'''<br>
als Wahrnehmungskorridor. Dieser Wahrnehmungskorridor
+
Ich will im Folgenden versuchen, die Folgen der eben gemachten Überlegungen auf die fünf geschilderten Ansätze zu übertragen (wobei ich letztmalig darauf hinweise, dass wir den Geisteszustand eines Menschen des frühen 21. Jahrhunderts
wird durch verschiedenste Dinge
+
zu simulieren versuchen).<br>
beeinflusst.
+
<br>
Drei Aspekte möchte ich kurz herausgreifen.
+
'''Rekonstruieren'''<br>
Der erste Aspekt ist die Rolle von Selbst,
+
Dieser Ansatz ist eigentlich unmöglich. Nur Menschen wie die Zeugen Jehovas versuchen das noch, wenn sie Gottesnamen rekonstruieren (und das wohl falsch); oder die Christen, die Zebaoth anrufen, ohne zu wissen, was sie tun. Leider hatten Teile des aktiven Heidentums im 20. Jahrhundert Ansätze, sich in diese Richtung zu
Bewusstsein und Sinnen für unseren Wahrnehmungskorridor.
+
entwickeln; erst das all-heidnische Konzil 2025 hat hier klare Beschlüsse fassen können.<br>
Der zweite Aspekt ist das „Sonderthema“
+
<br>
der Sprache, der dritte (und größte)
+
'''Ignorieren'''<br>
Aspekt ist der Einfluss der Umwelt, genauer der
+
Dies ist möglich, aber nicht lustig. Man verzichte auf eine Impfung, lässt sich die Zähne nicht mehr machen und verfalle in eine Sprache, von der man sicher sein kann, dass sie nicht ausdrücken kann, was man ausdrücken will (dies ist etwa so, als wollte man mit dem Wortschatz des klassischen Latein bei einer PC-Hotline anrufen). Und der Staat? Der Staat baut einem die Straßen, er kümmert sich um Schulen und Krankenhäuser. Viele religiöse Gruppen, die diesem Ignorieren-Ansatz folgen, müssen auch den Staat ignorieren, um in sich selbst glaubhaft zu bleiben. Da verzichtet man dann lieber auf Krankenhausaufenthalte für Kinder als auf den
Gesellschaft („Umwelt I“) und der Welt („Umwelt
+
vermeintlichen Segen Gottes – und wenn die Kinder dann sterben, dann war es Gottes Wille (und nicht menschliche Dummheit).<br>
II“).
+
<br>
Selbst, Bewusstsein, Sinne
+
'''Imitieren/Kopieren, Adaptieren'''<br>
Das Thema Selbst ist schwierig zu besprechen,
+
Dies scheitert oft an der nicht gegebenen zeitlichen Lückenlosigkeit. Der Islam versucht, eine geschlossene historische Kette zu produzieren, vernichtet aber selbst "häretische" Werke aus seiner Frühzeit. Das Christentum pocht (im Katholizismus) auf die Liste der Päpste oder insgesamt auf die Priestersukzession, die aber an mehreren Stellen in der Geschichte Lücken aufweist, durch die man eine Kathedrale schieben könnte.<br>
da hier der „Abgrund der Zeit“ die schlimmsten
+
In Deutschland wäre das eventuell noch machbar, wenn man heidnische Traditionen beleben will; hier ist eine große Lücke durch die Werke von Grimm & Konsorten überbrückt worden. Aber im 21. Jahrhundert muss man hier (wegen der Nationalsozialisten) aus vergifteten Quellen trinken. Die Glut ist noch vorhanden,
Vermittlungsschwierigkeiten aufbaut.
+
aber das Werk ist mühsam.<br>
Im frühen 21. Jahrhundert wurde dieses
+
<br>
Thema immer wieder diskutiert: Wie verändert
+
'''Initiieren'''<br>
sich das Verhältnis zum „Leib“ im Lauf
+
Dies wäre Neustart ohne Bilder, ein Neustart ohne Erinnerungen. Das ist machbar, aber nicht gewollt.<br>
der Zeit? Wie verhält sich das mit der Nahrung
+
<br>
– hat nicht zum Beispiel die Einfuhr der Kartoffel
+
'''Schlussüberlegungen'''<br>
nach Europa unsere Nahrung völlig verändert,
+
Ich will versuchen, drei kurze Hinweise zu geben, die ein Zeitgenosse aus dem frühen 21. Jahrhundert auch geben müsste, wenn er über den Mythos im Wandel der Zeiten nachdenkt.<br>
was ist mit dem Verschwinden bekannter
+
Der Mythos gibt Antworten auf grundsätzliche, elementare Fragen. Wir müssen ihm nur zuhören.<br>
Nahrungsmittel und der Saison-übergreifenden
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Die Welt ist laut. Wir werden oft und viel abgelenkt. Das Raunen der Runen aber braucht das Schweigen der Welt.<br>
Erreichbarkeit von Nahrungsmitteln, die
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Die Welt ist hell. Wir müssen uns ins Dunkel begeben. Erst dann kommt vielleicht jemand aus dem Schatten. Manchmal hat er nur ein Auge.<br><br><br>
eigentlich an bestimmte Jahreszeiten gebunden
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[[Kategorie:Heidentum]]
waren? Wie gehen wir mit Schmerz, Krankheit
 
und Tod um? Wie sieht es mit der Unversehrtheit
 
des Körpers aus? Wie stehen Heiden zu
 
Verstümmelungen? In den 1970ern war es noch
 
selbstverständlich, dass Kriegsopfer (Einbeinige,
 
Einarmige, Blinde) das Straßenbild prägten.
 
Hat ihr „Verschwinden“ nicht auch die Gesellschaft
 
geprägt – und wie sieht es mit dem Umgang
 
mit Sterbenden oder Behinderten aus, die
 
wir aus der Gesellschaft „herausnehmen“ und
 
in bestimmten Institutionen „verwahren“? Wie
 
geht man mit Tätowierungen und Narben aus,
 
wie mit Implantaten? Hat sich durch HIV nicht
 
das Blut-Tabu wieder verstärkt – wer leistet im
 
21. Jahrhundert noch einen Blutschwur oder
 
schließt Blutsbruderschaft? Wie sieht es mit
 
den Veränderungen durch Implantate (Herzschrittmacher),
 
Ersatzteile (Hüftgelenke) oder
 
Depot-Medikamente aus? Verändert sich die
 
Sicht auf das Selbst und die daraus und darauf
 
wirkende Magie dabei nicht grundsätzlich?
 
Wie verändert sich unsere Wahrnehmung
 
von Bewusstsein durch die Veränderung dessen,
 
was wir als gesund betrachten? Früher waren
 
Geisteskranke Teil der Gesellschaft, einige
 
Gesellschaften akzeptierten sie als besonders
 
von den Göttern geschlagen oder gezeichnet.
 
Wir schließen sie weg – was sagt das über die
 
Gesellschaft aus? Wie gehen wir damit um, dass
 
die weit zugänglichen Medikamente und Drogen
 
natürlich auch die Psyche verändern? Wie
 
hat die Einführung der Psychologie die Wahrnehmung
 
von Bewusstsein verändert? Gab es
 
ein Über-Ich, bevor Freud es fand?
 
Und unsere Sinne haben einen Wandel
 
durchlebt. Wir sehen Farben, ohne zu erkennen,
 
dass die Grenzen von Farben zu anderen
 
Farben nicht naturwissenschaftlich, sondern
 
gesellschaftlich gezogen werden (wie auch die
 
Bedeutung von Farben, z.B. dem Schwarz oder
 
Weiß für Trauer). Hat sich unser Hören nicht
 
Hurli Harard, der hurtige Held – 33
 
dadurch verändert, dass wir andauernd und
 
überall kommunizieren können und die Stille
 
verlernt haben? Hat sich unser Schmecken nicht
 
durch starke Einflüsse wie Schokolade oder Tabak
 
völlig verändert? Wie verändert sich unser
 
Riechen dadurch, dass Menschen inzwischen
 
(meist) gewaschen und sauber sind, so dass wir
 
Körpergerüche nur noch wahrnehmen, wenn
 
sie „störend“ sind (und ab wann sind sie das?).
 
Hat sich unser Fühlen nicht verändert, weil wir
 
klimatisierte Räumlichkeiten gewöhnt sind, in
 
denen wir nicht frieren? Und damit habe ich
 
unsere Gefühle noch nicht angesprochen, die
 
natürlich auch einem Wandel unterzogen sind
 
– oder? Wie vergleichen wir „Liebe“ im 11. Jahrhundert
 
mit „Liebe“ im 16. Jahrhundert oder
 
„Liebe“ im 21. Jahrhundert?
 
Sonderthema: Sprache
 
(Auch hier die Erinnerung: Wir betrachten die
 
Erkenntnisse des 21. Jahrhunderts!)
 
Sprache ist ein Sonderthema, weil sie uns so
 
selbstverständlich ist, ohne dass wir über ihre
 
Möglichkeiten und Grenzen nachdenken.
 
Wie sieht es mit dem Kontext von Aussagen
 
aus? Können wir Anspielungen überhaupt noch
 
verstehen, die in früheren Jahrhunderten Bedeutung
 
hatten, diese aber verloren? Verstehen
 
wir Wortspiele auf frühere Herrscher oder damals
 
aktuelle politische Entwicklungen?
 
Wie wirkt sich der Wortverlust aus? Früher
 
kannten alle die Begriffe für die verschiedenen
 
Farben von Pferden (Falbe, Fuchs, Brauner,
 
Schimmel, Schecke etc.) – diese Begriffe sind
 
aus dem täglichen Sprachgebrauch ebenso verschwunden
 
wie landwirtschaftliche Begriffe
 
(Egge) oder berufliche Fachworte (wie in der
 
Druckersprache die Begriffe Hurenkind und
 
Schusterjunge). Die Schulbildung erzeugt einen
 
Kanon von zitierbarer Literatur, die Gesellschaft
 
einen Kanon an zitierbaren Symbolen. Und eine
 
Alterskolonne wird durch gemeinsame Erinnerungen
 
an Filme und Musik geprägt, die schon
 
für einen Erwachsenen des 21. Jahrhunderts gegenüber
 
seinen Eltern oder seinen Kindern eine
 
unüberbrückbare Distanz erzeugt.
 
Wie ist es mit Wörtern, die gleich klingen,
 
aber unterschiedliche Bedeutungen haben
 
(„Teekessel“ genannt) – oder Wörtern, die früher
 
gleich klangen, sich aber auseinanderentwickelt
 
habe (im Englischen z.B. „horse“ und „whores“
 
oder die Unterscheidung vom lateinischen „lingua“
 
in Sprache und Zunge im Deutschen).
 
Wenn sich im 19. Jahrhundert drei Heiden
 
am Genfer See trafen, dann sprachen sie französisch
 
und bezogen sich auf antike Mythen, wenn
 
sie über Magie sprachen. Wenn sich im 21. Jahrhundert
 
drei Heiden am Genfer See trafen, dann
 
sprachen sie englisch und bezogen sich auf „Star
 
Trek“. Die Konnotationen, welche bekannte Filme
 
erzeugen, sind in einer Gesellschaft mannigfaltig,
 
aber über die Zeit schwer übersetzbar
 
(man denke nur an den Übersetzungsfehler von
 
„May the Force be with you“ aus „Star Wars“ in
 
„Möge der 4. Mai mit dir sein!).
 
Wird die Leseerfahrung nicht dadurch geprägt,
 
dass ab dem 21. Jahrhundert das Buch immer
 
mehr gegenüber einer nebulösen „Cloud“
 
zurückgeht, die sich „irgendwo“ im Internet befindet?
 
Wer früher seinem Kind seine eigenen
 
alten Kinderbücher schenkte, gibt der ihm dann
 
Hinweise auf den Speicherplatz der Werke?
 
„Worüber man nicht sprechen kann, darüber
 
muss man schweigen.“2 Bildung und Kultur, Medien
 
und Umgang beeinflussen Sprache, Sprachentwicklung
 
und Sprachbenutzung. In einer
 
magischen Tradition, die viele Dinge benennen
 
muss, um sie zu beherrschen (erinnern Sie sich:
 
das 21. Jahrhundert war von „Magie, nur mit
 
den Händen“ noch weit entfernt), ist die Sprache
 
der Zugang zur Magie. Wenn man zulässt, dass
 
die Quelle versiegt, aus der die Sprache fließt,
 
2 Ludwig Wittgenstein, „Tractatus logica-philosphicus“,
 
Abschnitt 7
 
34 – Hurli Harard, der hurtige Held
 
dann wird man nicht nur durstig, sondern kann
 
die Zunge irgendwann nicht mehr nutzen.
 
Gesellschaft (Umwelt I) und Welt (Umwelt II)
 
Unsere Distanz zu einer heidnischen Hochzeit3
 
in der Vergangenheit umfasst (vom 21. Jahrhundert
 
aus betrachtet) diverse Jahrhunderte. Es ist
 
nur möglich, ein paar Aspekte anzureißen; ein
 
Gesamtüberblick würde den Rahmen dieses
 
Vortrags sicher sprengen.
 
Um zu zeigen, welche Bereiche nicht angesprochen
 
werden, weil uns die Zeit dafür fehlt,
 
sei die Rolle der Familie genannt. Nicht nur, dass
 
sich die Familie völlig verändert hat (durch eine
 
erhöhte Lebenserwartung und weniger Kinder),
 
auch die Begrifflichkeiten haben sich verändert
 
(wer weiß heute noch, wer die Muhme ist?).
 
Wir nehmen die Zeit völlig anders wahr. Wir
 
sind durch Uhren und Kalender in einen künstlichen
 
Jahreskreis eingebunden, der sich von
 
Aussaat und Ernte entfernt hat. Unsere höhere
 
Lebenserwartung erweitert unseren Zeithorizont;
 
im frühen 21. Jahrhundert war es für einen
 
Jugendlichen möglich, einen Zeitzeugen der
 
Zeit um 1920 kennenzulernen, der selbst über
 
seine Erfahrungen berichten konnte. In früheren
 
Jahrhunderten war dies undenkbar.
 
Und die Symbole haben sich in ihrer Bedeutung
 
geändert. Erst die Möglichkeit der bequemen
 
Reproduzierbarkeit von Symbolen durch
 
Druckmaschinen machte sie zu einem kopierbaren
 
Massenphänomen. Und die tiefen Spuren,
 
welche die Nationalsozialisten auf vielen heidnischen
 
Symbolen hinterlassen haben, machten
 
viele Symbole für Heiden „unbenutzbar“, weil
 
diese Symbole „verschmutzt“ waren.
 
Unter dem Begriff „Umwelt I“ verstehe ich
 
den Komplex aus Wohnen und Arbeit; aber
 
diese sind nicht unbeeinflusst von sozialen Bezügen.
 
3 Die Hochzeit, nicht die Hochzeit!
 
Wir wohnen völlig anders als vor 100 Jahren.
 
Es gibt Toiletten, fließend Wasser und Bäder.
 
Es gibt Aufzüge und Kinderzimmer. Es gibt ein
 
Recht auf eine eigene Wohnung als geschützten
 
Raum.
 
Und unser Verständnis von Arbeit ist völlig
 
anders geworden. Nach einer (beinahe) Vollbeschäftigung
 
in den 1980ern folgt eine (wenn
 
auch kaschierte) Massenarbeitslosigkeit im frühen
 
21. Jahrhundert, verbunden mit einem Verlust
 
der Kaufkraft und einem Verlust des Selbstwertgefühls.
 
Die Arbeit wurde entmenschlicht;
 
kaum noch kann jemand fertige Dinge produzieren,
 
sondern er ist an die Produktion von
 
Zwischenschritten gekoppelt, die ihn vom fertigen
 
Produkt entfremden.
 
Die sozialen Bezüge haben sich geändert. Ich
 
bin schon auf Behinderungen und Krankheiten
 
eingegangen, aber darüber hinaus unterscheiden
 
sich unsere Erfahrungen im Umgang mit fundamentalen
 
Dingen wie Alter und Hunger völlig
 
von denen der Kriegs- oder Nachkriegsgeneration.
 
Die lange Friedensphase, die in Westeuropa
 
seit 1945 herrscht, hat Kriegserfahrungen (zum
 
Glück) aus unserem Erfahrungsschatz getilgt.
 
Wie nehmen wir Geschlechter wahr? Es gibt
 
im 21. Jahrhundert keine Kastraten mehr, aber
 
die Unterscheidung zwischen männlich und
 
weiblich lässt inzwischen viele neue Zwischentöne
 
zu, sowohl in der körperlichen Form als
 
auch in der Ausgestaltung der eigenen Sexualität.
 
Die Gender-Diskussion, die dadurch erfolgte
 
Veränderung der Sprache („Heid_innen“)
 
und das Recht auf allgemeine Gleichbehandlung
 
haben die Gesellschaft nachhaltig geändert.
 
Wie stehen wir zu Fortpflanzung und Fruchtbarkeit?
 
Die „Kinderarmut“ des späten 20. und
 
frühen 21. Jahrhunderts ist mit keiner anderen
 
Ära zu vergleichen, warum soll sie nicht unsere
 
Wahrnehmung verändert haben?
 
Wie steht man als Heide zur Politik? Ist
 
die Ethik der Aufklärung verweht, wo ist der
 
Hurli Harard, der hurtige Held – 35
 
Kommunismus hin, der doch mit einem solch
 
magischen Pathos begonnen hat („Es geht ein
 
Gespenst um in Europa“). Wie steht man zu
 
Liberalismus und Humanismus, die doch (zumindest
 
im 19. Jahrhundert) Grundpfeiler einer
 
magischen Renaissance waren?
 
Und wie geht man im 21. Jahrhundert mit
 
dem Schreckgespenst des Islamismus um, das
 
wie in der Zeit des Kalten Kriegs bei den „Roten
 
Horden“ ein Bild projiziert, was von der Wahrheit
 
weit entfernt ist?
 
Unter der Bezeichnung „Umwelt II“ möchte
 
ich mich kurz mit der Welt beschäftigen. Unsere
 
Wahrnehmung der Erde hat sich durch die (ausgesprochen
 
ungenauen) geografischen Karten
 
verändert, die eine erklärt subjektive Wahrnehmung
 
der Welt durch eine aufgepfropfte objektive
 
Sicht zu verändern drohen. Dabei leben wir
 
doch mit mentalen Karten, die uns die Entfernung
 
anzeigen. In einer Gesellschaft, in der man
 
nur zu Fuß gehen konnte, war die Umgebung in
 
konzentrischen Kreisen organisiert, abhängig
 
von der Reisegeschwindigkeit und der erreichbaren
 
Entfernung an einem, zwei oder mehr
 
Tagen (nur gehindert durch Hindernisse oder
 
eine sinnvolle Wegwahl erweitert). Heute haben
 
wir mentale Karten, die – „dank“ Auto und
 
Flugzeug – die Strecke zu einem Ort nahe des
 
Flughafens in Athen oder Moskau leichter und
 
schneller machen als die zu Fuß in die hintersten
 
Ecken des übernächsten Waldes oder per Autobahn
 
über die Alpen. Wir nehmen Landschaft
 
nicht mehr wahr, sondern durchfahren sie nur,
 
können keine Karten mehr lesen sondern vertrauen
 
(trotz aller gegenteiligen Hinweise) dem
 
Navigationsgerät.
 
Und wir haben die Landschaft massiv verändert
 
– durch Tunnel und Gleise, durch Brücken
 
und Kanäle, durch Hausbau und Abholzung.
 
Die Welt ist in Mitteleuropa vom Menschen dermaßen
 
geformt, dass eine „urwüchsige Landschaft“
 
im Menschen Angst weckt, weil er sie
 
nicht kennt (und auch nicht kennen kann, weil
 
sie in seinem Leben nicht stattfindet).
 
Wo ist der Sternenhimmel hin verschwunden,
 
den die städtische Beleuchtung auslöscht?
 
Was wurde aus der Erde als dem Zentrum des
 
Universums nach der Erkenntnis des heliozentrischen
 
Weltbildes? Wie verändert die Nähe
 
zu Amerika oder Australien, die Einbeziehung
 
von Hawaii in unseren Kulturkreis die Wahrnehmung
 
der Welt? Was veränderte sich, als die
 
letzten weißen Flecken am Pol und im Herzen
 
Afrikas von den Karten verschwanden?
 
Wenn man an das 20. Jahrhundert erinnert,
 
dann erinnert man daran, dass der Mond auf
 
einmal in die Reichweite der Menschheit geriet
 
– und dass Pluto erst im 20. Jahrhundert
 
als neuer Planet entdeckt wurde, um dann seinen
 
Status im 21. Jahrhundert zu verlieren. Die
 
„final frontier“ verschob sich in den Weltraum,
 
und dort blieb sie.
 
Hat die Einstein‘sche Formel „E=mc²“ nicht
 
unsere Einstellung zu Reisen, zu Distanz und
 
Geschwindigkeit verändert, ist das Schlagwort
 
von der Lichtmauer nicht dafür zuständig, dass
 
wir begriffen haben, dass der erreichbare Raum
 
immer begrenzt bleiben wird?
 
Ist unser Verständnis von der Erde als einem
 
Class M-Planeten in einem Nebenarm einer
 
unbedeutenden Galaxis nicht ursächlich daran
 
schuld, dass wir uns als Spezies im Gesamtplan
 
des Universums nicht mehr als so wichtig
 
sehen? Erzeugt die subtrahierende Lösung, die
 
vom Universum die Plätze abzieht, wo Gott sicher
 
nicht ist, weil Menschen ihn dort nicht gefunden
 
haben, nicht dafür zuständig, dass wir
 
Gott minimieren, ihm Restplätze zuweisen, anstatt
 
ihn überall wirken zu lassen?
 
Lokale oder an eine Ethnie gebundene Götter
 
haben Verkündungsprobleme, denn die Grenzen
 
von Räumen oder Ethnien werden immer
 
durchlässiger, immer unzuverlässiger, wo sich
 
Geografie und Genetik weiter entwickelt haben.
 
36 – Hurli Harard, der hurtige Held
 
Passend zur christlichen Verkündung lag Jerusalem
 
auf alten Karten im Zentrum der Welt,
 
im Zentrum der drei Weltgegenden Afrika, Asien
 
und Europa. Die drei Könige, die sich vor Jesu
 
verbeugten, waren auch die drei Kontinente mit
 
einem schwarzen, einem weißen und einem semitischen
 
König. Wir haben dieses Bild verloren
 
und können die Ikonografie nicht mehr lesen.
 
Können wir ohne Vermittlung einen Menschen
 
des 12. Jahrhunderts verstehen? Nein.
 
Aber eine Antwort können wir dank C. S.
 
Lewis und „Perelandra“ geben, nämlich die
 
Antwort auf die Frage, ob die christliche Schöpfung
 
samt Sündenfall auf anderen Planeten
 
auch stattgefunden hat. Für Lewis sind wir die
 
Bewohner des schweigenden Sterns, der als einziger
 
nicht in der Schöpfung singt. Manchmal
 
liest man aus den Science Fiction-Büchern und
 
-Filmen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts
 
den Wunsch der Menschen heraus, im
 
Weltraum nicht allein zu sein – um doch immer
 
wieder enttäuscht zu werden.
 
Folgerungen
 
Ich will im Folgenden versuchen, die Folgen der
 
eben gemachten Überlegungen auf die fünf geschilderten
 
Ansätze zu übertragen (wobei ich
 
letztmalig darauf hinweise, dass wir den Geisteszustand
 
eines Menschen des frühen 21. Jahrhunderts
 
zu simulieren versuchen).
 
Rekonstruieren
 
Dieser Ansatz ist eigentlich unmöglich. Nur
 
Menschen wie die Zeugen Jehovas versuchen
 
das noch, wenn sie Gottesnamen rekonstruieren
 
(und das wohl falsch); oder die Christen, die Zebaoth
 
anrufen, ohne zu wissen, was sie tun. Leider
 
hatten Teile des aktiven Heidentums im 20.
 
Jahrhundert Ansätze, sich in diese Richtung zu
 
entwickeln; erst das all-heidnische Konzil 2025
 
hat hier klare Beschlüsse fassen können.
 
Ignorieren
 
Dies ist möglich, aber nicht lustig. Man verzichte
 
auf eine Impfung, lässt sich die Zähne nicht
 
mehr machen und verfalle in eine Sprache, von
 
der man sicher sein kann, dass sie nicht ausdrücken
 
kann, was man ausdrücken will (dies
 
ist etwa so, als wollte man mit dem Wortschatz
 
des klassischen Latein bei einer PC-Hotline
 
anrufen). Und der Staat … der Staat baut einem
 
die Straßen, er kümmert sich um Schulen und
 
Krankenhäuser. Viele religiöse Gruppen, die
 
diesem Ignorieren-Ansatz folgen, müssen auch
 
den Staat ignorieren, um in sich selbst glaubhaft
 
zu bleiben. Da verzichtet man dann lieber auf
 
Krankenhausaufenthalte für Kinder als auf den
 
vermeintlichen Segen Gottes – und wenn die
 
Kinder dann sterben, dann war es Gottes Wille
 
(und nicht menschliche Dummheit).
 
Imitieren/Kopieren, Adaptieren
 
Dies scheitert oft an der nicht gegebenen zeitlichen
 
Lückenlosigkeit. Der Islam versucht, eine
 
geschlossene historische Kette zu produzieren,
 
vernichtet aber selbst „häretische“ Werke aus seiner
 
Frühzeit. Das Christentum pocht (im Katholizismus)
 
auf die Liste der Päpste oder insgesamt
 
auf die Priestersukzession, die aber an mehreren
 
Stellen in der Geschichte Lücken aufweist, durch
 
die man eine Kathedrale schieben könnte.
 
In Deutschland wäre das eventuell noch
 
machbar, wenn man heidnische Traditionen beleben
 
will; hier ist eine große Lücke durch die
 
Werke von Grimm & Konsorten überbrückt
 
worden. Aber im 21. Jahrhundert muss man
 
hier (wegen der Nationalsozialisten) aus vergifteten
 
Quellen trinken. Die Glut ist noch vorhanden,
 
aber das Werk ist mühsam.
 
Initiieren
 
Dies wäre Neustart ohne Bilder, ein Neustart
 
ohne Erinnerungen. Das ist machbar, aber nicht
 
gewollt.
 
Hurli Harard, der hurtige Held – 37
 
Schlussüberlegungen
 
Ich will versuchen, drei kurze Hinweise zu geben,
 
die ein Zeitgenosse aus dem frühen 21.
 
Jahrhundert auch geben müsste, wenn er über
 
den Mythos im Wandel der Zeiten nachdenkt.
 
Der Mythos gibt Antworten auf grundsätzliche,
 
elementare Fragen. Wir müssen ihm nur
 
zuhören.
 
Die Welt ist laut. Wir werden oft und viel
 
abgelenkt. Das Raunen der Runen aber braucht
 
das Schweigen der Welt.
 
Die Welt ist hell. Wir müssen uns ins Dunkel
 
begeben. Erst dann kommt vielleicht jemand aus
 
dem Schatten. Manchmal hat er nur ein Auge.
 

Aktuelle Version vom 5. Februar 2024, 17:10 Uhr

Vorbemerkung[1]
Herzlich willkommen zum Abschlussvortrag im Proseminar zur "Kurt-Oertel-Sommerakademie" 2315. Wir haben versucht, uns im Rahmen der Vorbereitungen mental in jenes 21. Jahrhundert zu begeben, das den Menschen heute als das "düstere Jahrhundert" bekannt ist.
Damals waren die Menschen auf einfache Utensilien angewiesen, um ihre Vorträge "an den Mann" zu bringen. Daher reduzieren wir heute die technischen Möglichkeiten adäquat auf jene der damaligen Zeit in den Anfangsjahren der heidnisch-nordischen Renaissance – ein Referent, ein Flipchart und ein paar Eddings müssen ausreichen, um ein Gefühl für jene Epoche zu vermitteln.
Eines muss im Vorfeld klar und eindeutig gesagt sein: Religion und Magie sind größere "Felder" als das, was unsere Erfahrung abdecken kann. Dieser Vortrag kann also nur versuchen, einen Teil der Erfahrungen abzudecken, aber nie den Anspruch erheben, alles anzureißen (oder gar zu erklären). Selbst heute, nach über 300 Jahren Beschäftigung mit den Grundlagen der Magie und der Erkenntnis, dass die ganze Welt von Magie durchflutet wird, würde kein Magier, der etwas auf sich hält, behaupten, er könnte alles erklären.
Kommen wir nun zum inhaltlichen Teil. Bitte behalten Sie im Gedächtnis, dass wir uns mental im frühen 21. Jahrhundert befinden, wenn es um die Diskussionen des magischen Weltbilds geht.

Die fünf Möglichkeiten des magischen Weltbilds
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man mit einem magischen Weltbild umgehen kann. Prinzipiell sind das folgende fünf Verfahren:
1. Rekonstruieren
2. Ignorieren
3. Imitieren/Kopieren
4. Adaptieren
5. Initiieren

Stellen wir uns eine Zeitleiste vor, auf der die Zeit als Linie von links nach rechts dargestellt wird (siehe Illu 1).

Illu 1

Hierbei ist das Mittelalter stellvertretend für eine Epoche zu sehen, in der Heiden noch Heiden sein konnten, in jedem finsteren Wald ein Drache hauste und Magie funktionierte. Man möge diesen etwas blauäugigen Ansatz verzeihen, aber so oder so ähnlich haben Heiden im frühen 21. Jahrhundert die heidnische Vergangenheit wahrgenommen und diskutiert.

Rekonstruieren

Illu 2

Beim Ansatz des Rekonstruierens wird nun versucht, die Erfahrungen aus dem Mittelalter, die mittelalterliche Weltsicht und die Einstellung zur Magie "nachzubauen", eben zu re-konstruieren (siehe Illu 2).

Ignorieren

Illu 3

Beim Ansatz des Ignorierens geht man davon aus, dass die Zeitleiste nicht existiert. Es findet im Bewusstsein des Anwenders keine Veränderung seit dem Mittelalter statt; die Zeit und ihre Umstände bleiben gleich, ebenso die Gesellschaftsform, die Sprache und alle anderen Rahmenbedingungen. In einer Grafik sähe das so aus (siehe Illu 3).

Imitieren/Kopieren

Illu 4

Die Idee des Imitierens/Kopierens wiederum versucht, die Zeitumstände des Mittelalters wiederzugeben, um sie erneut heraufzubeschwören. Im 21. Jahrhundert war das weit verbreitet: Man zieht sich entsprechende Kleidung an, spricht einen eigenartigen Dialekt (gerne als "Marktsprech" verhöhnt: "Werter Kunde, darf ich Euch itzo Anhänger präsentieren. Er kostet Euch auch nur dreißig Dublonen und ist aus edelstem Metalle gefertigt!") und ernährt sich am liebsten von Fladenbroten und Met.
Die Grafik sähe folgendermaßen aus (siehe Illu 4).

Adaptieren

Illu 5

Versuche, die Vergangenheit zu adaptieren, gehen davon aus, dass man die Zeitumstände für jede neue Periode verstehen muss, um zu erkennen, wie ein magisches Bild in das Weltbild eingepasst war. Die Grafik sähe folgendermaßen aus (siehe Illu 5)

Initiieren

Illu 6

Die letzte Methode ist die des Initiierens. Man ignoriert einfach die (mystische und oft überhöhte) Vergangenheit und schafft eine magische Weltsicht im Hier und Jetzt. Dies hat den Vorteil, dass man aktuelle Zeitumstände verarbeiten kann, ignoriert aber gerne die Verhaftung in historischen Zusammenhängen. In meiner Darstellung sähe dies wie folgt aus (siehe Illu 6).

Die Struktur der Queste
Die Suche nach magischer Erkenntnis folgt der Struktur einer Queste. Hierbei ist das Ziel der Queste immer Verständnis und Erleuchtung.
Die Queste folgt einem vorgegebenen Verlauf, der in allen Questen kaum verändert wird. Dieser Verlauf ist Start – Reise – Ort samt Rätsel – Reise – Ort samt Kampf – Konflikt – Rettung – Erkenntnis – Rückreise – Ankunft am Start/Ziel.
Aus der Queste erhält man eine grundlegende Erkenntnis als Ergebnis: nur Freundschaft, Liebe und Gottvertrauen retten einen. Ein Ort in der Queste ist immer die Möglichkeit für einen Ritus zum Erlangen von Erkenntnis bzw. die Hilfe durch einen Ritus. In der Queste erfolgt Rettung gerne durch göttliche Eingriffe (auch gerne in Form eines "deux ex machina"). Am Ende der Queste kehrt man gewachsen und verändert heim, obwohl dieser Ort nicht mehr derselbe ist, weil man sich selbst verändert hat ("Man kann den selben Fluss nicht zwei Mal überqueren."). Die am Ende gewonnene Erkenntnis ist die Erkenntnis der Bedeutung von Freundschaft, Liebe und Gottvertrauen. Die Selbstveränderung initiiert Veränderungen an der Umwelt.
Da heute sicherlich jeder aus der Schulzeit das im 22. Jahrhundert wiederentdeckte nordische Epos "Hurli Harard, der hurtige Held aus Holmstedt, und Uller, der unbotmäßige Unhold aus Uppsala" kennt, wollen wir die fünf Ansätze kurz an diesem Epos und seiner grundlegenden Queste durchspielen.

Rekonstruieren
Die Fragen, die beim Rekonstruieren gestellt werden, beschäftigen sich weniger mit der Botschaft des Mythos, sondern mit seinen Rahmenbedingungen. Dann werden Fragen gestellt wie "Wo lag Holmstedt?" oder "Wer waren Ullers Eltern?", wissenschaftliche Symposien diskutieren Fragen wie "Der Unhold Uller und Parallelen zu finnischen Quellen zur Kalevala". Dieser Ansatz ist aus Bibelarbeit bekannt, wo Jesus in historischen Zusammenhängen dargestellt wurde, die dann ellenlang diskutiert und gedeutet wurden.

Ignorieren
Hier ist die Vorgehensweise einfach: Man ignoriert sämtliche gewonnenen Erkenntnisse bezüglich des Epos, Fortschritte in der Wissenschaft und/oder gesellschaftliche Entwicklungen. Beispiele sind die aus dem 21. Jahrhundert bekannten Mittelaltergruppen (Schlagwort: "Re-Enactment"), die Amish und Teile des Islam im 21. Jahrhundert. "Gott will es", und darum ist es heute genauso richtig wie im Jahre 35, 625 oder 2012 unserer Zeitrechnung.

Imitieren/kopieren
Ohne Zwischenschritte wird hier der Originalmythos direkt in die Gegenwart versetzt. Der Epos hieße dann vielleicht für einen Magier des späten 21. Jahrhunderts "Kurt Koertel, der kundige Kieser aus Kiel und Uwe Uhrenhufer, der urige Urwaldbewohner". Es findet (um ein "neudeutsches" Wort zu verwenden) ein "reboot" des alten Mythos statt, der damit direkt von der Ursprungszeit in die Gegenwart versetzt wird.

Adaptieren
Die Adaption unterteilt die Kopie in eine Vielzahl von Zwischenschritten, der Mythos wird in einem Zyklus immer neu interpretiert und für die Gegenwart "gewonnen"; jede Generation/Kohorte adaptiert den Mythos für sich. Motor einer solchen Adaption sind Mysterienspiele, Wallfahrten, Initiationsriten, dabei erfolgt eine vorsichtige Modernisierung der Rahmenbedingungen.
Ein Beispiel für eine solche Adaption ist die Wirkungsgeschichte des Judentums. Ein anderes Beispiel ist die christliche Mär vom Teilen von Brot und Fisch durch Jesus. Während hier ursprünglich von einer klima- und kulturgerechten Teigware und einem haltbar gemachten, für die örtlichen Gewässer typischen Fisch die Rede war, wird dieses biblische Gleichnis in jeder anderen Kultur mit den dort bekannten Brot- und Fischsorten visualisiert, das Gleichnis damit adaptiert.

Initiieren
Hier geht es um Extraktion der wichtigsten Punkte (meist sind dies die Grundlagen der Queste), dann erfolgt ein tatsächlicher Neustart. In der Anfangsphase entwickeln solche Gruppen (wegen ihrer leicht verständlichen Terminologie) eine große Zugkraft, die aber erlischt, wenn die anfänglichen Träger der Bewegung ("Gründer", "Propheten" etc.) verstorben sind bzw. die Bewegung verlassen haben. Beispiele wären die "Church of All Worlds" im 20. Jahrhundert oder die "Neo-Phlogistonisten" im 22. Jahrhundert.

Ist die Rekonstruktion einer vergangenen Epoche realistisch?
Zwischen Selbst und Umwelt liegen die Sinne als Wahrnehmungskorridor. Dieser Wahrnehmungskorridor wird durch verschiedenste Dinge beeinflusst.
Drei Aspekte möchte ich kurz herausgreifen. Der erste Aspekt ist die Rolle von Selbst, Bewusstsein und Sinnen für unseren Wahrnehmungskorridor. Der zweite Aspekt ist das "Sonderthema" der Sprache, der dritte (und größte) Aspekt ist der Einfluss der Umwelt, genauer der Gesellschaft ("Umwelt I") und der Welt ("Umwelt II").

Selbst, Bewusstsein, Sinne
Das Thema Selbst ist schwierig zu besprechen, da hier der "Abgrund der Zeit" die schlimmsten Vermittlungsschwierigkeiten aufbaut.
Im frühen 21. Jahrhundert wurde dieses Thema immer wieder diskutiert: Wie verändert sich das Verhältnis zum "Leib" im Lauf der Zeit? Wie verhält sich das mit der Nahrung – hat nicht zum Beispiel die Einfuhr der Kartoffel nach Europa unsere Nahrung völlig verändert, was ist mit dem Verschwinden bekannter Nahrungsmittel und der Saison-übergreifenden Erreichbarkeit von Nahrungsmitteln, die eigentlich an bestimmte Jahreszeiten gebunden waren? Wie gehen wir mit Schmerz, Krankheit und Tod um? Wie sieht es mit der Unversehrtheit des Körpers aus? Wie stehen Heiden zu Verstümmelungen? In den 1970ern war es noch selbstverständlich, dass Kriegsopfer (Einbeinige, Einarmige, Blinde) das Straßenbild prägten. Hat ihr "Verschwinden" nicht auch die Gesellschaft geprägt – und wie sieht es mit dem Umgang mit Sterbenden oder Behinderten aus, die wir aus der Gesellschaft "herausnehmen" und in bestimmten Institutionen "verwahren"? Wie geht man mit Tätowierungen und Narben aus, wie mit Implantaten? Hat sich durch HIV nicht das Blut-Tabu wieder verstärkt – wer leistet im 21. Jahrhundert noch einen Blutschwur oder schließt Blutsbruderschaft? Wie sieht es mit den Veränderungen durch Implantate (Herzschrittmacher), Ersatzteile (Hüftgelenke) oder Depot-Medikamente aus? Verändert sich die Sicht auf das Selbst und die daraus und darauf wirkende Magie dabei nicht grundsätzlich?
Wie verändert sich unsere Wahrnehmung von Bewusstsein durch die Veränderung dessen, was wir als gesund betrachten? Früher waren Geisteskranke Teil der Gesellschaft, einige Gesellschaften akzeptierten sie als besonders von den Göttern geschlagen oder gezeichnet. Wir schließen sie weg – was sagt das über die Gesellschaft aus? Wie gehen wir damit um, dass die weit zugänglichen Medikamente und Drogen natürlich auch die Psyche verändern? Wie hat die Einführung der Psychologie die Wahrnehmung von Bewusstsein verändert? Gab es ein Über-Ich, bevor Freud es fand?
Und unsere Sinne haben einen Wandel durchlebt. Wir sehen Farben, ohne zu erkennen, dass die Grenzen von Farben zu anderen Farben nicht naturwissenschaftlich, sondern gesellschaftlich gezogen werden (wie auch die Bedeutung von Farben, z.B. dem Schwarz oder Weiß für Trauer). Hat sich unser Hören nicht dadurch verändert, dass wir andauernd und überall kommunizieren können und die Stille verlernt haben? Hat sich unser Schmecken nicht durch starke Einflüsse wie Schokolade oder Tabak völlig verändert? Wie verändert sich unser Riechen dadurch, dass Menschen inzwischen (meist) gewaschen und sauber sind, so dass wir Körpergerüche nur noch wahrnehmen, wenn sie "störend" sind (und ab wann sind sie das?). Hat sich unser Fühlen nicht verändert, weil wir klimatisierte Räumlichkeiten gewöhnt sind, in denen wir nicht frieren? Und damit habe ich unsere Gefühle noch nicht angesprochen, die natürlich auch einem Wandel unterzogen sind – oder? Wie vergleichen wir "Liebe" im 11. Jahrhundert mit "Liebe" im 16. Jahrhundert oder "Liebe" im 21. Jahrhundert?

Sonderthema: Sprache
(Auch hier die Erinnerung: Wir betrachten die Erkenntnisse des 21. Jahrhunderts!)
Sprache ist ein Sonderthema, weil sie uns so selbstverständlich ist, ohne dass wir über ihre Möglichkeiten und Grenzen nachdenken.
Wie sieht es mit dem Kontext von Aussagen aus? Können wir Anspielungen überhaupt noch verstehen, die in früheren Jahrhunderten Bedeutung hatten, diese aber verloren? Verstehen wir Wortspiele auf frühere Herrscher oder damals aktuelle politische Entwicklungen?
Wie wirkt sich der Wortverlust aus? Früher kannten alle die Begriffe für die verschiedenen Farben von Pferden (Falbe, Fuchs, Brauner, Schimmel, Schecke etc.) – diese Begriffe sind aus dem täglichen Sprachgebrauch ebenso verschwunden wie landwirtschaftliche Begriffe (Egge) oder berufliche Fachworte (wie in der Druckersprache die Begriffe Hurenkind und Schusterjunge). Die Schulbildung erzeugt einen Kanon von zitierbarer Literatur, die Gesellschaft einen Kanon an zitierbaren Symbolen. Und eine Alterskolonne wird durch gemeinsame Erinnerungen an Filme und Musik geprägt, die schon für einen Erwachsenen des 21. Jahrhunderts gegenüber seinen Eltern oder seinen Kindern eine unüberbrückbare Distanz erzeugt.
Wie ist es mit Wörtern, die gleich klingen, aber unterschiedliche Bedeutungen haben ("Teekessel" genannt) – oder Wörtern, die früher gleich klangen, sich aber auseinanderentwickelt habe (im Englischen z.B. "horse" und "whores" oder die Unterscheidung vom lateinischen "lingua" in Sprache und Zunge im Deutschen).
Wenn sich im 19. Jahrhundert drei Heiden am Genfer See trafen, dann sprachen sie französisch und bezogen sich auf antike Mythen, wenn sie über Magie sprachen. Wenn sich im 21. Jahrhundert drei Heiden am Genfer See trafen, dann sprachen sie englisch und bezogen sich auf "Star Trek". Die Konnotationen, welche bekannte Filme erzeugen, sind in einer Gesellschaft mannigfaltig, aber über die Zeit schwer übersetzbar (man denke nur an den Übersetzungsfehler von "May the Force be with you" aus "Star Wars" in "Möge der 4. Mai mit dir sein!").
Wird die Leseerfahrung nicht dadurch geprägt, dass ab dem 21. Jahrhundert das Buch immer mehr gegenüber einer nebulösen "Cloud" zurückgeht, die sich "irgendwo" im Internet befindet? Wer früher seinem Kind seine eigenen alten Kinderbücher schenkte, gibt der ihm dann Hinweise auf den Speicherplatz der Werke?
"Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."[2] Bildung und Kultur, Medien und Umgang beeinflussen Sprache, Sprachentwicklung und Sprachbenutzung. In einer magischen Tradition, die viele Dinge benennen muss, um sie zu beherrschen (erinnern Sie sich: das 21. Jahrhundert war von "Magie, nur mit den Händen" noch weit entfernt), ist die Sprache der Zugang zur Magie. Wenn man zulässt, dass die Quelle versiegt, aus der die Sprache fließt, dann wird man nicht nur durstig, sondern kann die Zunge irgendwann nicht mehr nutzen.

Gesellschaft (Umwelt I) und Welt (Umwelt II)
Unsere Distanz zu einer heidnischen Hochzeit[3] in der Vergangenheit umfasst (vom 21. Jahrhundert aus betrachtet) diverse Jahrhunderte. Es ist nur möglich, ein paar Aspekte anzureißen; ein Gesamtüberblick würde den Rahmen dieses Vortrags sicher sprengen.
Um zu zeigen, welche Bereiche nicht angesprochen werden, weil uns die Zeit dafür fehlt, sei die Rolle der Familie genannt. Nicht nur, dass sich die Familie völlig verändert hat (durch eine erhöhte Lebenserwartung und weniger Kinder), auch die Begrifflichkeiten haben sich verändert (wer weiß heute noch, wer die Muhme ist?).
Wir nehmen die Zeit völlig anders wahr. Wir sind durch Uhren und Kalender in einen künstlichen Jahreskreis eingebunden, der sich von Aussaat und Ernte entfernt hat. Unsere höhere Lebenserwartung erweitert unseren Zeithorizont; im frühen 21. Jahrhundert war es für einen Jugendlichen möglich, einen Zeitzeugen der Zeit um 1920 kennenzulernen, der selbst über seine Erfahrungen berichten konnte. In früheren Jahrhunderten war dies undenkbar.
Und die Symbole haben sich in ihrer Bedeutung geändert. Erst die Möglichkeit der bequemen Reproduzierbarkeit von Symbolen durch Druckmaschinen machte sie zu einem kopierbaren Massenphänomen. Und die tiefen Spuren, welche die Nationalsozialisten auf vielen heidnischen Symbolen hinterlassen haben, machten viele Symbole für Heiden "unbenutzbar", weil diese Symbole "verschmutzt" waren.
Unter dem Begriff "Umwelt I" verstehe ich den Komplex aus Wohnen und Arbeit; aber diese sind nicht unbeeinflusst von sozialen Bezügen.
Wir wohnen völlig anders als vor 100 Jahren. Es gibt Toiletten, fließend Wasser und Bäder. Es gibt Aufzüge und Kinderzimmer. Es gibt ein Recht auf eine eigene Wohnung als geschützten Raum.
Und unser Verständnis von Arbeit ist völlig anders geworden. Nach einer (beinahe) Vollbeschäftigung in den 1980ern folgt eine (wenn auch kaschierte) Massenarbeitslosigkeit im frühen 21. Jahrhundert, verbunden mit einem Verlust der Kaufkraft und einem Verlust des Selbstwertgefühls. Die Arbeit wurde entmenschlicht; kaum noch kann jemand fertige Dinge produzieren, sondern er ist an die Produktion von Zwischenschritten gekoppelt, die ihn vom fertigen Produkt entfremden.
Die sozialen Bezüge haben sich geändert. Ich bin schon auf Behinderungen und Krankheiten eingegangen, aber darüber hinaus unterscheiden sich unsere Erfahrungen im Umgang mit fundamentalen Dingen wie Alter und Hunger völlig von denen der Kriegs- oder Nachkriegsgeneration. Die lange Friedensphase, die in Westeuropa seit 1945 herrscht, hat Kriegserfahrungen (zum Glück) aus unserem Erfahrungsschatz getilgt.
Wie nehmen wir Geschlechter wahr? Es gibt im 21. Jahrhundert keine Kastraten mehr, aber die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich lässt inzwischen viele neue Zwischentöne zu, sowohl in der körperlichen Form als auch in der Ausgestaltung der eigenen Sexualität. Die Gender-Diskussion, die dadurch erfolgte Veränderung der Sprache ("Heid_innen") und das Recht auf allgemeine Gleichbehandlung haben die Gesellschaft nachhaltig geändert.
Wie stehen wir zu Fortpflanzung und Fruchtbarkeit? Die "Kinderarmut" des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts ist mit keiner anderen Ära zu vergleichen, warum soll sie nicht unsere Wahrnehmung verändert haben?
Wie steht man als Heide zur Politik? Ist die Ethik der Aufklärung verweht, wo ist der Kommunismus hin, der doch mit einem solch magischen Pathos begonnen hat ("Es geht ein Gespenst um in Europa"). Wie steht man zu Liberalismus und Humanismus, die doch (zumindest im 19. Jahrhundert) Grundpfeiler einer magischen Renaissance waren?
Und wie geht man im 21. Jahrhundert mit dem Schreckgespenst des Islamismus um, das wie in der Zeit des Kalten Kriegs bei den "Roten Horden" ein Bild projiziert, was von der Wahrheit weit entfernt ist?
Unter der Bezeichnung "Umwelt II" möchte ich mich kurz mit der Welt beschäftigen. Unsere Wahrnehmung der Erde hat sich durch die (ausgesprochen ungenauen) geografischen Karten verändert, die eine erklärt subjektive Wahrnehmung der Welt durch eine aufgepfropfte objektive Sicht zu verändern drohen. Dabei leben wir doch mit mentalen Karten, die uns die Entfernung anzeigen. In einer Gesellschaft, in der man nur zu Fuß gehen konnte, war die Umgebung in konzentrischen Kreisen organisiert, abhängig von der Reisegeschwindigkeit und der erreichbaren Entfernung an einem, zwei oder mehr Tagen (nur gehindert durch Hindernisse oder eine sinnvolle Wegwahl erweitert). Heute haben wir mentale Karten, die – "dank" Auto und Flugzeug – die Strecke zu einem Ort nahe des Flughafens in Athen oder Moskau leichter und schneller machen als die zu Fuß in die hintersten Ecken des übernächsten Waldes oder per Autobahn über die Alpen. Wir nehmen Landschaft nicht mehr wahr, sondern durchfahren sie nur, können keine Karten mehr lesen sondern vertrauen (trotz aller gegenteiligen Hinweise) dem Navigationsgerät.
Und wir haben die Landschaft massiv verändert – durch Tunnel und Gleise, durch Brücken und Kanäle, durch Hausbau und Abholzung. Die Welt ist in Mitteleuropa vom Menschen dermaßen geformt, dass eine "urwüchsige Landschaft" im Menschen Angst weckt, weil er sie nicht kennt (und auch nicht kennen kann, weil sie in seinem Leben nicht stattfindet).
Wo ist der Sternenhimmel hin verschwunden, den die städtische Beleuchtung auslöscht? Was wurde aus der Erde als dem Zentrum des Universums nach der Erkenntnis des heliozentrischen Weltbildes? Wie verändert die Nähe zu Amerika oder Australien, die Einbeziehung von Hawaii in unseren Kulturkreis die Wahrnehmung der Welt? Was veränderte sich, als die letzten weißen Flecken am Pol und im Herzen Afrikas von den Karten verschwanden?
Wenn man an das 20. Jahrhundert erinnert, dann erinnert man daran, dass der Mond auf einmal in die Reichweite der Menschheit geriet – und dass Pluto erst im 20. Jahrhundert als neuer Planet entdeckt wurde, um dann seinen Status im 21. Jahrhundert zu verlieren. Die "final frontier" verschob sich in den Weltraum, und dort blieb sie.
Hat die Einstein‘sche Formel "E=mc²" nicht unsere Einstellung zu Reisen, zu Distanz und Geschwindigkeit verändert, ist das Schlagwort von der Lichtmauer nicht dafür zuständig, dass wir begriffen haben, dass der erreichbare Raum immer begrenzt bleiben wird?
Ist unser Verständnis von der Erde als einem Class M-Planeten in einem Nebenarm einer unbedeutenden Galaxis nicht ursächlich daran schuld, dass wir uns als Spezies im Gesamtplan des Universums nicht mehr als so wichtig sehen? Erzeugt die subtrahierende Lösung, die vom Universum die Plätze abzieht, wo Gott sicher nicht ist, weil Menschen ihn dort nicht gefunden haben, nicht dafür zuständig, dass wir Gott minimieren, ihm Restplätze zuweisen, anstatt ihn überall wirken zu lassen?
Lokale oder an eine Ethnie gebundene Götter haben Verkündungsprobleme, denn die Grenzen von Räumen oder Ethnien werden immer durchlässiger, immer unzuverlässiger, wo sich Geografie und Genetik weiter entwickelt haben.
Passend zur christlichen Verkündung lag Jerusalem auf alten Karten im Zentrum der Welt, im Zentrum der drei Weltgegenden Afrika, Asien und Europa. Die drei Könige, die sich vor Jesu verbeugten, waren auch die drei Kontinente mit einem schwarzen, einem weißen und einem semitischen König. Wir haben dieses Bild verloren und können die Ikonografie nicht mehr lesen.
Können wir ohne Vermittlung einen Menschen des 12. Jahrhunderts verstehen? Nein.
Aber eine Antwort können wir dank C. S. Lewis und "Perelandra" geben, nämlich die Antwort auf die Frage, ob die christliche Schöpfung samt Sündenfall auf anderen Planeten auch stattgefunden hat. Für Lewis sind wir die Bewohner des schweigenden Sterns, der als einziger nicht in der Schöpfung singt. Manchmal liest man aus den Science Fiction-Büchern und -Filmen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts den Wunsch der Menschen heraus, im Weltraum nicht allein zu sein – um doch immer wieder enttäuscht zu werden.

Folgerungen
Ich will im Folgenden versuchen, die Folgen der eben gemachten Überlegungen auf die fünf geschilderten Ansätze zu übertragen (wobei ich letztmalig darauf hinweise, dass wir den Geisteszustand eines Menschen des frühen 21. Jahrhunderts zu simulieren versuchen).

Rekonstruieren
Dieser Ansatz ist eigentlich unmöglich. Nur Menschen wie die Zeugen Jehovas versuchen das noch, wenn sie Gottesnamen rekonstruieren (und das wohl falsch); oder die Christen, die Zebaoth anrufen, ohne zu wissen, was sie tun. Leider hatten Teile des aktiven Heidentums im 20. Jahrhundert Ansätze, sich in diese Richtung zu entwickeln; erst das all-heidnische Konzil 2025 hat hier klare Beschlüsse fassen können.

Ignorieren
Dies ist möglich, aber nicht lustig. Man verzichte auf eine Impfung, lässt sich die Zähne nicht mehr machen und verfalle in eine Sprache, von der man sicher sein kann, dass sie nicht ausdrücken kann, was man ausdrücken will (dies ist etwa so, als wollte man mit dem Wortschatz des klassischen Latein bei einer PC-Hotline anrufen). Und der Staat? Der Staat baut einem die Straßen, er kümmert sich um Schulen und Krankenhäuser. Viele religiöse Gruppen, die diesem Ignorieren-Ansatz folgen, müssen auch den Staat ignorieren, um in sich selbst glaubhaft zu bleiben. Da verzichtet man dann lieber auf Krankenhausaufenthalte für Kinder als auf den vermeintlichen Segen Gottes – und wenn die Kinder dann sterben, dann war es Gottes Wille (und nicht menschliche Dummheit).

Imitieren/Kopieren, Adaptieren
Dies scheitert oft an der nicht gegebenen zeitlichen Lückenlosigkeit. Der Islam versucht, eine geschlossene historische Kette zu produzieren, vernichtet aber selbst "häretische" Werke aus seiner Frühzeit. Das Christentum pocht (im Katholizismus) auf die Liste der Päpste oder insgesamt auf die Priestersukzession, die aber an mehreren Stellen in der Geschichte Lücken aufweist, durch die man eine Kathedrale schieben könnte.
In Deutschland wäre das eventuell noch machbar, wenn man heidnische Traditionen beleben will; hier ist eine große Lücke durch die Werke von Grimm & Konsorten überbrückt worden. Aber im 21. Jahrhundert muss man hier (wegen der Nationalsozialisten) aus vergifteten Quellen trinken. Die Glut ist noch vorhanden, aber das Werk ist mühsam.

Initiieren
Dies wäre Neustart ohne Bilder, ein Neustart ohne Erinnerungen. Das ist machbar, aber nicht gewollt.

Schlussüberlegungen
Ich will versuchen, drei kurze Hinweise zu geben, die ein Zeitgenosse aus dem frühen 21. Jahrhundert auch geben müsste, wenn er über den Mythos im Wandel der Zeiten nachdenkt.
Der Mythos gibt Antworten auf grundsätzliche, elementare Fragen. Wir müssen ihm nur zuhören.
Die Welt ist laut. Wir werden oft und viel abgelenkt. Das Raunen der Runen aber braucht das Schweigen der Welt.

Die Welt ist hell. Wir müssen uns ins Dunkel begeben. Erst dann kommt vielleicht jemand aus dem Schatten. Manchmal hat er nur ein Auge.


  1. Dieser Vortrag wurde zum Eldathing 2012 gehalten. Er war tatsächlich nicht an ein Manuskript gebunden, sondern entwickelte sich entlang weniger schriftlicher Vorlagen auf einem Flipchart mit drei verschiedenfarbigen Eddings. Manchmal braucht man nicht mehr für einen Vortrag … umso schwieriger war es dann, den gesprochenen und mit wenigen Stichworten "vermerkten" Text in einen Fließtext zu gießen. Mein Dank an Petra Bolte für Textkommentare und "Ordnung".
  2. Ludwig "ittgenstein, "Tractatus logica-philosophicus", Abschnitt 7
  3. Die Hochzeit, nicht die Hochzeit!