Runen – Geschichte und Mythos einer rätselhaften Schrift

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Ulrich Magin
„Runen – Geschichte und Mythos einer rätselhaften Schrift“
Hamburg (Niko Verlag), 1. Auflage, ISBN 978-3-86820-615-9, 2021
197 Seiten

Ich bin mit kleinen Dingen glücklich zu machen, wenn es um Sachbücher geht: Es sollte nachvollziehbar aufgebaut sein, lesbar geschrieben sein und über ein vernünftiges Lektorat verfügen. Als Bonus kommen dann noch zum Test passende Illustrationen und ein verwendbares Literaturverzeichnis dazu. Vorab kann man sagen, dass Magin hier meist mit Bestnoten abschließt. Beim Literaturverzeichnis sind mir Fußnoten immer lieber als ein Anmerkungsapparat, aber das ist eine Geschmackssache und mindert den Lesegenuss nur kaum (und dann wohl nur für mich). Dazu kommt, dass er unfassbar belesen ist und seinen sprachlich schönen Text mit Hinweisen auf Literatur und Gedichte „aufhübscht“.
Das Buch enthält fünf längere Kapitel: „Grundlagen“, „Die Runenreihen“, „Fundarten“, „Runensteine“ und „Runen bis heute“. Schon der erste Satz der Einleitung legt die Gangart fest: „Wer sich mit Runen beschäftigt, begibt sich auf gefährliches Terrain, wenn nicht sogar auf Glatteis […].“[1] Und: „Dieses Buch kann und will keine wissenschaftliche Abhandlung über Runen sein […].“[2] Magin beschreibt sich selbst als „interessierte[n] Laie[n]“[3], aber – das sei vorweg gesagt – es gelingt ihm, eine gut zu lesende Übersicht zu verfassen, die auch mich beim Lesen mit neuen Informationen versorgt. Dabei vermeidet er die üblichen Fallstricke der „völkischen“ Autoren. So äußert er über die Germanen: „Es gab nie ein Volk, dass [sic] sich als Germanen bezeichnete und als Teil einer größten [sic] Völkerschaft verstand oder sich gar national als Germane empfand.“[4] Und er ist in der Lage, zwischen naiver Forscherfreude und völkischen und/oder rassistischen Ansätzen zu unterscheiden.[5]
Er erklärt die Runenreihen nachvollziehbar, wobei er leider den unseligen Lauch erwähnt[6], von dem ich gehofft hatte, dass er nie wieder erwähnt wird.[7] Immerhin führt das im dritten Kapitel dann zu dem schönen Zitat „Dein Frifridil, der das Glied hat. Du, die die Vulva hat, nimm mich in dich auf! – Lauch – Lauch.“[8]
Mit einigen Äußerungen wird er sicherlich in der „heidnischen Community“ Widerspruch auslösen, aber das ist auch gut so. So schreibt er über Runenorakel: „Moderne, vor allem esoterische Runenbücher handeln deshalb vor allem von Runenorakeln. Dafür gibt es keinen einzigen zeitgenössischen Beleg.“[9]
Bei dem Kapitel zu den Fundarten (Fibeln, Brakteate, Statuen …) spannt er einen weiten, historischen Bogen der – auch wegen der guten Illustrationen – kurzweilig bleibt.
Die Abhandlung über die Runensteine nutzt er erneut zu einer klaren Absage gegen rechtsextreme Gesinnungen: „Runen raunen nicht von germanischer Reinheit, sondern von Völkervermischung und kultureller Vielfalt.“[10] Sehr gut ist seine klare Darstellung zu Jacques de Mahieu, den er – richtig – als ehemaligen SS-Mann mit entsprechendem Nachkriegs-Umfeld identifiziert.[11]
Am interessantesten war für mich das Schlusskapitel „Runen bis heute“. So geht er auf „Irrungen und Fälschungen“ ein, wobei er natürlich als nächsten Unterpunkt die Esoterik abarbeitet. Aber auch hier spricht er weise, nicht abwertend: „(…) aber die Qualität einer spirituellen Praxis ermisst sich nicht an ihrem Alter.“[12] Er verweist auch auf das Gummibärchenorakel und andere Praktiken, ohne dabei Gift und Galle zu spucken.[13] Unvermittelt stößt man dann im Text auf Sätze wie diese, die vielleicht dazu geeignet sind, verbohrte Hirne alleine durch Sprachmacht zu erreichen: „Die urgermanischen Nebel, mit denen völkische Denker und moderne Esoteriker die germanischen Buchstaben zuwabern, sind Täuschungsmanöver. Sie verhüllen nichts Heiliges, sie vernebeln den Sinn.“[14]
Um Phantastik-Fans wie mich zu begeistern, schafft er am Ende noch die Kurve über Jules Vernes „Reise zum Mittelpunkt der Erde“, J. R. R. Tolkien, „Frozen“ und Bluetooth.[15]

Insgesamt ein lohnendes Leseerlebnis und eine klare Kaufempfehlung.


  1. Magin, S. 7
  2. ebenda
  3. ebenda
  4. Magin, S. 13
  5. Vgl. Magin, S. 15
  6. Meiner Ansicht nach ein Übersetzungsfehler zu „Laukar“.
  7. Vgl. Magin, S. 39 und S. 44
  8. Magin, S. 90; für die bessere Lesbarkeit wurden die eckigen Klammer der Ergänzung im Zitat weggelassen.
  9. Magin, S. 73
  10. Magin, S. 129
  11. Vgl. Magin, S. 167
  12. Magin, S. 175
  13. Vgl. Magin, S. 179
  14. Magin, S. 179
  15. Vgl. Magin, S. 184 ff.