Der wundersame Dr. Darwin

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CHARLES SHEFFIELD
DER WUNDERSAME DR.DARWIN
Originaltitel: THE AMAZING DR. DARWIN
(2002), Übersetzerin: Beke Ritgen.
Titelbild: Jim Burns, Bastei Lübbe 20 495, 461 Seiten

Nähern wir uns dem Buch auf verschiedenen Ebenen, damit jeder aussteigen kann, wenn er meint, genug darüber erfahren zu haben, um es sich zu kaufen.
Erstens: die Chesterton-Ebene
Ich habe G. K. Chesterton immer geliebt (besonders DER HELD VON NOTTING HILL). Dieses England, das es nie so gegeben hat, welches aber bei Chesterton, Rudyard Kipling (Puck vom Buchsberg) und Arthur Conan Doyle immer aufblitzt, jenes Albion, das ... ach.
»Sie erreichten das Dorf, eine dicht gedrängte Ansammlung ärmlicher Häuser rund um einen im Besitz der Gemeinde befindlichen Anger. In dessen Mitte standen eine hübsche alte Kirche und ein Wirtshaus aus der Tudorzeit einander gegenüber, das Heilige dem Profanen ansichtig.« (S. 236)
Wer das Buch jetzt kaufen mag, der sei bedankt.
Achja, Sherlock Holmes’ Methode der Deduktion, die aus der Beobachtungsgabe eines mit Doyle befreundeten Arztes stammt, wird im Roman auch einmal brav erklärt (S. 310 f.).
Zweitens: Dr. Darwin
Wir sprechen nicht von Charles Darwin, sondern seinem Großvater. Ein dicker Mann mit Pockennarben und Zahnlücken, der versucht, im Zeitalter der langsam beginnenden industriellen Revolution Mysterien mit dem wissenschaftlichen Verstand statt mit dem Rückfall auf Magie und Religion zu lösen.
So ist es nicht verwunderlich, dass die Geschichten in diesem Band (der eigentlich ein Sammelband ist, kein Roman) verheißungsvolle Bezeichnungen enthalten wie »Dämon«, »Phantom«, »Todlose« und »Vampir«. Man wähnt sich einem mystischen Geheimnis auf der Spur – und wird enttäuscht und begeistert, weil es eben nicht mystisch ist, sondern wissenschaftlich erklärbar. Das macht die Stärke der Erklärungen aus, aber der mystische Unterton der Geschichten macht sie zu einem lesbaren Kleinod.
Kaufen!
Drittens: Die Welt
Ich hatte es schon einmal erwähnt: Es ist der Übergang zur industriellen Revolution, der die Welt markiert, die Darwin bereist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Revolution in Frankreich, das umbrechende Gesellschaftsgefüge der Welt den Hintergrund liefert, vor dem die Geschichten spielen: Die Veränderung ist das Thema. Es ist die Veränderung der Produktion, die Veränderung der Politik, aber auch die Veränderung der Denkweise, eine wissenschaftliche Aufklärung, für die Darwin steht.
Viertens: Die Sprache
Manchmal sitzt man einfach da und muss lachen, weil die Geschichte einen in den Bann schlägt. So ist die Annäherung zwischen Darwin und einem »Weibchen«, das Darwin untersuchen will, köstlich. Sie will Sex, er will sie untersuchen:
»Wenn Du nun gestattest, würde ich mir gerne den Bau deines Unterleibes etwas genauer ansehen. Sehr kräftige Muskulatur hier – wie ausgeprägt hier der rectus abdomnis ist! Vielen Dank, das macht die Untersuchung ein gut Teil einfacher!« Geistesabwesend nickte Darwin, als das Weibchen mit der Hand ihre Hüfte berührte und den kurzen Kaninchenfellrock ablegte (S. 423 f.).
Fünftens: Der Inhalt
Enthalten sind die Geschichten »Der Dämon von Malkirk«, »Das Herz Ahura Masdahs«, »Das Phantom von Dunwell Cove«, »Das Todlose von Lambeth«, »Der Solborne-Vampir« und »Der Schatz des Odirex«. Sie wurden auf Deutsch (bis auf »Der Teufel von Malkirk« in Die besten Stories aus »The Magazine of Fantasy and Science Fiction«, Band 67, Hrsg. Ronald M. Hahn, Heyne 4027 [1983]) noch nicht veröffentlicht, die im Vorwort erwähnte Sammlung Erasmus Magister erschien auf englisch 1982 und enthielt nicht alle Geschichten (die sind in The Amazing Dr. Darwin enthalten, das 2002 erschien). Leider fehlt dieser – neben anderen Hinweisen – im Impressum.
Die Geschichten stammen aus den Jahren 1978-1998. Es sind Magazin-Geschichten – was man daran merkt, dass Teile der Einführung (besonders die Darstellung Dr. Darwins) sich wiederholen, jedoch tut das dem Lesegenuss (fast) keinen Abbruch.
Schön ist der Anhang »Erasmus Darwin, Authentisches und Erfundenes«. Überraschend ist, was an den Geschichten wahr ist. Daher möge ich – wie auch der Herausgeber – spätestens hier noch einmal davor warnen, den Anhang vor den Geschichten zu lesen. Aber wer das Buch jetzt noch nicht bestellt hat, ist sowieso nicht zu kurieren ...
Erstaunlich ist, dass es die »Lunar Society« wirklich gegeben hat, und dass James Watt und John Baskerville wirklich zu ihr gehört haben. Auch die Hintergründe zu den einzelnen Geschichten decken Verbindungen auf, die ich nicht erwartet hätte. Mehr will ich nicht verraten.
Sechstens: Der Autor
Charles Sheffield verstarb 2002 im Alter von 67 Jahren. Er erwarb seinen Doktor in Physik. Seit 1997 war er mit der SF-Autorin Nancy Kress verheiratet.
Fazit: Kaufen!