Die wahre Geschichte der Germanen
Karl Banghard
"Die wahre Geschichte der Germanen"
Propyläen
ISBN 978-3-549-10090-5
22,- Euro
269 Seiten & 16 Bildseiten
2025³
Der bärtige Mann mit dem Schwert in der Hand auf dem Titelbild verhindert sinnfällig, dass man den Titel aus Versehen als "Die wahre Geschichte der Geranien" liest. Aber ganz ehrlich: so plakativ und großartig wie das Titelbild ist der ganze Inhalt.
Ein Vorwort, das "Germanen, ein Roadmovie" heißt. Kapitelüberschriften wie "Im Niemandsland", "Er kam, sah und ging wieder", "Varusgate?", "Rotten Empire" oder "Voodoo im Thüringer Becken". Sprachlich überzeugend, weil eben journalistisch und nicht langweilig. Inhaltlich sind das die Namen für Kapitel der germanischen Geschichte, die von Bayern im Jahre 60 vor Christus über Berichte zu 53 vor Christus, 9-15 nach Christus, 0-100 nach Christus, 147 nach Christus, 50 v. Christus – 275 nach Christus reichen. Hier fragt man sich erstmals, ob die zeitliche Reihenfolge stimmt – ja, stimmt sie. Man nehme einfach das mittlere Jahr in einem längeren, genannten Zeitraum (-50 bis 275 = 325 Jahre Strecke = das Jahr 162 nach Christus auf der Hälfte) und schon stellt man fest, dass man noch ordentlich in der Reihenfolge ist. Dann 235/236 nach Christus, 250 nach Christus, 300 nach Christus, 320 nach Christus (das ist das schöne Kapitel "Voodoo im Thüringer Becken"), 354 nach Christus, 400 nach Christus und abschließend 1936 nach Christus. Im letzten Kapitel geht es dann um das Germanengehöft in Oerlinghausen, aber dazu später.
Banghards Sprache ist klar und plakativ: "Am Anfang der Germanenerzählung steht also nicht nur wie in der Bibel das Wort, sondern darüber hinaus ein fettiges Frühstück." (S. 9) Seine Aussagen sind eindeutig, Banghard ist nämlich jemand, der sich festlegt und keiner, der herumeiert: "Eine Gliederung nach Themen wie Hausbau, Krieg, Runen oder Ähnlichem täuscht unterschwellig eine gesamtgermanische Kultur vor, die es so nicht gibt." (S. 11) Und das ist nicht nur bei Aussagen zu Germanen so, sondern seine Einstellung zu Nazis ist auch klar: "Manche Nazis wollen leben wie die Germanen. Eine Zündstufe weiter sind Nazis, die sterben wollen wie Germanen." (S. 80) Dem kann man nichts hinzufügen.
Manchmal ist er ein wenig süffisant und man weiß nicht, ob man gerade eine humorvolle Verve liest oder aber zu viel hineininterpretiert. Beispiele gefällig? "Die maßlose Mystifizierung der Runen entwertet die leise Poesie der frühesten germanischen Sprachfragmente." (S. 129) Oder der hier: "Germanische Gruppen haben ihre Nachwelt in der Regel nicht mit monumentalen Kultbauten belästigt." (S. 187)
Nur im Bereich der Phantastik, bei Science Fiction und Fantasy, da ist Herr Banghard nicht sattelfest. Weder Wuldudewar noch Ullder sind "schöne Ork-Namen für die nächste Tolkien-Verfilmung" (S. 125), sondern die Namen stehen bei Tolkien in den Büchern und werden von seinen Verfilmern sklavisch verwendet, denn gute Tolkien-Verfilmungen benutzen nur diese und fügen der wahren Mittelerde-Lehre nichts hinzu. Und Wuldudewar … das ist doch eher "Augsburger Puppenkiste", oder? Und cthonische Kulte (seine Worte) – das ist, wenn überhaupt, Cthulhu, aber schon gar nicht "Kulturwissenschafts-Klingonisch" (S. 191), sondern – wenn überhaupt im "Enterprise-Universum" angelegt – dann Romulanisch. Aber man muss die Großen Alten nicht verstehen, um Archäologe zu werden (darum ist der Verfasser dieser Zeilen Historiker geworden, weil die Großen Alten zu ihm sprechen).
Kommen wir abschließend zum Germanengehöft. Ein – da 1936 eröffnet – sicherlich nicht unbelasteter Lernort, den Karl Banghard – als Leiter der Einrichtung – geschickt pädagogisch navigierend in die Moderne transportiert hat. Seine theoretische Begründung seiner fast schon erzieherischen Arbeit findet sich in Sätzen wie den folgenden: "Denn Geschichte verspricht die Erklärung, wie es zu unserer heutigen Gesellschaft gekommen ist. Durch die Art der Geschichtserzählung kann ich den Blick auf die aktuelle Gesellschaft manipulieren. Deshalb ist Geschichte immer hochpolitisch, auch wenn sie nicht so wahrgenommen wird." (S. 246) Oder andersherum, wenn er seine Kritik an der Nachkriegspädagogik äußert: "Die alten Bilder (…) wurden nicht durch neue überschrieben." (S. 247) Da – wie bei so vielen anderen Dingen – bin ich inhaltlich voll bei ihm.
Auch bei ihm bin ich bei seiner Einschätzung zum Wissenschafts-Betrieb (der wirklich eher reproduziert als produziert). Wie schreibt er so schön: "Referenzen sind der Airbag der Populärwissenschaft." (S. 255) Dem kann man ebenfalls wenig hinzufügen.
Abschließen möchte ich mit einem zweiten Bild. Auf der hinteren Umschlagklappe ziert dann Karl Banghard als junger Ernst Busch das Foto (nur dieser Vergleich hier, um nicht wie alle anderen Bertolt Brecht schreiben zu müssen). Schiebermütze, Lederjacke, Oberlippenbart, im Hintergrund die "Skyline" von Oerlinghausen. Wie heißt es im Text zum Bild: "Er weiß aus praktischer Erfahrung, wie sehr die Germanen immer wieder zur Identitätsfindung missbraucht wurden." (Klappe) Richtig, denn folgt man diesem Satz, dann war er 1936 dabei. Dazu passt die Kleidung.
Aber im Ernst. Es ist seine moderne Sprache, die dieses Buch zu einem Leckerbissen macht. Warum ich nichts zum historischen Inhalt geschrieben habe in dieser Buchbesprechung? Weil das "besprechen" eine alte heidnische, magische Technik ist. Und ich habe mein Exemplar (samt Widmung des Meisters) besprochen, damit ihr es alle kauft.